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„Ich will immer dort sein, wo ich gerade nicht bin.“ André Josselin im Interview

Moody Lifestyle-Fotografie, Bilder von Parkhausdächern und aus Schlafzimmern – und spätestens seit seinem Fotobuch us auch Travel-Photographie. André Josselin ist mit Abstand einer meiner liebsten Fotografen. Kaum ein anderer Fotograf vermag es, solches Fernweh in mir zu wecken wie er. Sein Stil ist atmosphärisch, alles wirkt leicht, natürlich und jedes Bild scheint eine eigene, aufregende Geschichte zu erzählen.
André Josselin war so lieb, mir ein paar Fragen zu beantworten, die ich ihm schon lang einmal stellen wollte. Zum Beispiel, warum gerade Amerika für ihn so ein großer Traum war, wie Zufall und Inszenierung seine Bilder prägen und welches Bild aus seinem Fotobuch ihn ganz besonders berührt. Hier gibt’s die Antworten und ein paar spannende Details über seine letzten Roadtrips!

Aus deinen Texten, die Du zu deinen Bildern und Videos postest und besonders aus dem deiner kickstarter-Kampagne für dein Fotobuch us spricht unglaubliche Sehnsucht nach der Ferne. Empfinde ich das richtig? Welche Rolle spielen die Reisen in deinem Leben?

André: Das stimmt. Ich hab ständiges Fernweh und liebe es unterwegs zu sein. Ich glaube, ich war dieses Jahr nicht länger als zwei, drei Wochen an dem selben Ort, geschweige denn zu Hause. Auf der einen Seite natürlich sehr anstrengend, auf der anderen Seite aber sehr befriedigend. Ich will immer dort sein, wo ich gerade nicht bin.

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Das Reisen ist erst vor zwei, drei Jahren in mein Leben getreten – und ich bin der Meinung, dass es einen Menschlich weiterbringt. Du erweiterst deine Geschichte. Du fügst Kapitel hinzu, die du deinen Enkeln irgendwann einmal erzählen kannst, und ich stelle mir vor, dass es nichts schöneres gibt, als auf die Frage deiner Enkel, ob man da und da schon gewesen ist, mit „Ja“ zu antworten.

Unter anderem schreibst Du auf facebook zu deinem (übrigens wundervollen) Video About Hiraeth, dass Amerika dein Traum war. Aber warum ausgerechnet die USA? Was verbindest Du mit diesem Land, dass Du es zu deinem großen Traum erklärt hast?

André: Amerika schien einfach immer so unerreichbar. Die Entfernung, der Aufwand, das Finanzielle. Ich hab immer gedacht, ich käme dort nie hin. Alle Orte, die man schon aus Filmen oder Videospielen kennt, mal mit eigenen Augen zu sehen war schon was besonderes. Plus, dass es fotografisch einfach so unfassbar viel mehr erzählt, als irgendwas in Deutschland.

Farben und Licht sind einfach anders. Mittlerweile verbinde ich mit diesem Land tolle Erinnerungen. Und bei Gott, ich weiß, dass Amerika extrem weit von Perfektion entfernt ist. Aber ich liebe die Nationalparks, die unendlich langen Straßen, egal ob Küste oder Wüste, und die Atmosphäre in den Großstädten.

Ich habe schon häufiger gesehen, dass Du und auch dein Freund Aurelin Buttin nach Models für eure Roadtrips sucht. Hat das tatsächlich schon mal geklappt? Und bedeutet das, dass Du bereit bist, für deine Kunst mit völlig Fremden – die Dich vielleicht sogar nach 3 Tagen nerven – auf engstem Raum zu reisen?

André: Tatsächlich ist das schwierig. Und am Ende des Tages schreibe ich die Menschen, mit denen ich mir sowas vorstellen kann, dann doch eher persönlich an. Meistens sind es wirklich Menschen, die ich schon mal getroffen habe. Ich glaub, ich hab da ein sehr gutes Einschätzungsvermögen und finde schnell raus, ob ich mehrere Tage mit einem Menschen verbringen kann oder nicht. Das wichtigste dabei ist, dass die Begleitperson genauso viel Bock hat mit geilen Ergebnissen nachhause zu kommen, wie ich.

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Deswegen mache ich solche Roadtrips meist auch nicht mit Freunden. Zumindest früher, man gewinnt ja immer neue dazu. Aber früher war es wirklich so, dass mein Freundeskreis sich nicht für Fotografie interessiert hat. Dementsprechend war es schwer, jemanden zu finden, der mitkommt und es aushält, dass ich alle fünf, zehn Minuten anhalten und ein Foto machen möchte. Zudem ist es spannend, Menschen kennenzulernen und von vermeintlichen Fremden persönliche Dinge anvertraut zu bekommen. Andersrum genauso.

Die Leichtigkeit und Natürlichkeit deiner Bilder geben dem Betrachter immer das Gefühl, einen zufälligen Moment zu sehen. Aber sind das wirklich immer Zufälle? Welche Rolle spielen Inszenierung & Zufall für deine Fotos, die Du auf Reisen machst?

André: Ich bin sehr schlecht in Planung. Dementsprechend entsteht vieles spontan, was aber auch den Reiz ausmacht. Ich weiß vor einer Reise nie, mit was ich nachhause komme. Wichtig ist mir nur, mit einem ikonischen Bild, was für die Reise steht, nachhause zu kommen. In Frankreich ist es der alte Mann mit der Katze (Zufall), in Spanien war es das einsame Haus in der Wüste (auch zufällig gefunden) und in Portugal das Bild mit dem Tipi (spontane Inszenierung).

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Ich liebe es, Dingen Bedeutungen zu geben und diese Bilder haben für mich Bedeutung und Aussagekraft. Ich gebe meist kleine Dinge vor und beobachte was passiert. Ich glaube, ich hab ein ganz gutes Gespür für den Moment entwickelt, der das Foto besonders macht. Wie das genau funktioniert ist schwer zu beschreiben – Bauchgefühl! 🙂

Gibt es irgendein Foto in deinem Fotobuch us, das Dich ganz besonders tief berührt? 

André: Es gibt mehrere, zu denen ich auch schon viel erzählt habe. Jeder Trip war auf seine eigene Weise besonders. Der alte Mann mit der Katze ist bis heute mein Lieblingsbild. Es gibt ein Bild von mir aus Barcelona, das für mich aus persönlichen Gründen viel hergibt. Ich liebe die Stadt. Spanien war auch schwierig… wir hatten am Ende ein paar Probleme mit der Route und ein paar Sachen haben nicht so geklappt.

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Alle Bilder aus Frankreich sind für mich besonders, weil es der erste Trip war. Portugal war für mich der perfekteste Trip, weil wir am ende als 5 Freunde nachhause gekommen sind. Dort gibt es das Bild von Lennart und mir im Supermarkt, wir fotografieren uns gegenseitig im Spiegel über der Obstabteilung. Kein Plan, warum ich das Bild so toll finde, es zeigt einfach Zwei soon-to-be Freunde, die komplett auf der selben Wellenlänge sind und noch nicht wissen, wie sehr sie sich gegenseitig ans Herz wachsen werden. Oder das Bild des Pärchens am Strand, die ich einfach angesprochen hab und die perfekter für Fotos nicht aussehen könnten.

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Ach, ich könnte Stunden so weiter erzählen… Aber ich glaube, das war schon verwirrend genug. 🙂


By the way

André hat vor ein paar Jahren ein bisschen mit der Kamera experimentiert, die sich eigentlich sein Vater gekauft hatte. „Ich glaube, das war ein Modell von Sony.“ Irgendwann musste dann eine eigene Kamera her und so zieht er seit 2010 mit der Kamera durch die Straßen und verzaubert ne Menge Menschen mit seinen Bildern. Er selbst mag „Elizabeth Gadds Kreativität, Gosselins Gefühl für den Moment, Paul Ripkes Leichtigkeit, Jean-Philippe Lebées Stimmungen“.  [Quelle: SPOOK]

Seit wenigen Tagen, anlässlich der Präsidentschaftswahlen in Amerika oder besser „um dem Trump‘schen Quatsch zu entfliehen“ gibt es von André übrigens das Online-Fotografie-Magazin THE HAZEY mit zwei unveröffentlichten Serien. Schaut mal rein! 


In diesem Sinne bedanke ich mich noch einmal ganz sehr bei André für das Interview und entlasse euch auf sein Instagram – oder facebook-Profil. Wenn Du jetzt aber viel lieber deinen nächsten Roadtrip planen möchtest, um dem Schmuddelwetter ein bisschen zu entkommen, findest Du hier genau die richtigen Artikel:

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