2°C – so kalt ist das Wasser, das meine Wirbelsäule hinauf bis zu meinem Nacken strömt, als ich in das dunkle Wasser gleite. Atmen, Atmen, Atmen, wiederhole ich mein Mantra. Für eine Sekunde frage ich mich, was ich hier eigentlich mache, doch mit den ersten kontrollierten Atemzügen beruhigen sich auch meine Gedanken. Ich bin genau dort, wo ich sein will.

Die meisten Menschen würden die Vorstellung, in die Wellen des Arktischen Ozeans zu springen, wohl als beklemmend empfinden: Unten den Füßen hunderte Meter schwarzes Nichts, darüber beißend kalte Winterluft, -15° Celsius sind an diesem Tag. Ich hatte Sorge, ob es mir nicht letztlich genauso gehen würde. Stattdessen erfasst mich eine Welle von Ruhe, eine durchdringende Gewissheit, genau am richtigen Ort zu sein. Ein letzter Blick in Richtung Zodiac, dann senke ich den Kopf und höre sie: sanfte, freudige, lebendig quietschende Rufe. Einige Sekunden vergehen, dann tauchen auch ihre Körper vor mir auf. Elegante schwarz-weiße Konturen – erst zwei, dann vier, schließlich die ganze Orca-Familie, nur wenige Meter von mir entfernt. Ganz am Ende in etwas größerem Abstand entdecke ich sogar, dicht aneinander geschmiegt, eine Mutter mit ihrem Baby. Mühelos schweben sie durchs Wasser, scheinen beinahe still zu stehen. Ich kann sehen, wie sie mich ansehen, wie sie ihre Blicke genau auf mein Gesicht heften. Tausendmal habe ich mir ausgemalt, wie es sein würde, ihnen das erste Mal Unterwasser zu begegnen, doch selbst in meiner kühnsten Vorstellung hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich so etwas wie Willkommensein empfinden würde. Mit aller Kraft muss ich gegen die Tränen kämpfen, die sich mit diesem Bewusstsein ihren Weg bahnen, damit meine Maske nicht beschlägt. Ich will alles sehen, was um mich herum geschieht, alles festhalten – ihre Bewegungen, das Licht, die kleinen Luftblasen, die das scheinbar unendliche Meer unter mir wie eine fremde Galaxie erscheinen lassen. 

Ich kann nicht genau sagen, wann meine Faszination für Wale so mächtig wurde, dass ich den sehnsüchtigen Wunsch entwickelte, mich in ihre Welt zu begeben. Ich erinnere mich, wie ich schon als kleines Kind tausendfach mein ‘Was ist Was’-Buch über Wale durchblätterte, bis es fast auseinanderfiel. Ich war fasziniert von den vielen verschiedenen Formen, von ihrer Größe, von dem Bild, das zeigt, wie winzig ein erwachsener Mensch neben ihnen wirkt. Wann immer es mir später auf meinen Reisen möglich war, buchte ich Whale Watching Touren, wobei die Boote gar nicht klein genug sein konnten. Je öfter ich sie sah, desto mehr begann ich über sie zu lesen, fing an zu begreifen, welche entscheidende Rolle sie für die Gesundheit unserer Ozeane spielen, wie eng ihr Schicksal mit der Zukunft unseres Planeten verwoben ist. 

Doch bei all meinen Recherchen gab es eine Art, an der ich immer wieder hängen blieb, von der ich gar nicht genug bekommen konnte: Orcinus orca, der Schwertwal – eine Bezeichnung, die streng genommen gar nicht korrekt ist. Orcas zählen nicht zu den “klassischen Großwalen”, sondern gehören zur Familie der Delfine. Mit einer Beißkraft fünfmal stärker als die des Weißen Hais befinden sie sich an der Spitze der maritimen Nahrungskette. Viel mehr aber als ihre bloße Kraft faszinieren mich ihre ungewöhnliche Intelligenz, ihre ausgeprägten Sozialstrukturen, die Vielschichtigkeit ihrer Art. Vereinfacht ausgedrückt wird weltweit zwischen zehn verschiedenen Ökotypen unterschieden, wobei WissenschaftlerInnen unlängst weitere identifiziert haben und die Taxonomie regelmäßig heiß diskutiert wird. So unterscheiden sich die Ökotypen nicht nur in ihrer Genetik, sondern auch in ihrer Ernährung, ihren Jagdtechniken und Verhaltensweisen. Mehr noch: Es ist bekannt, dass jede Orca-Familie ihren eigenen Dialekt spricht, der von Generation zu Generation weitergegeben wird – so unverwechselbar, dass die Unterschiede mitunter sogar für unser menschliches Gehör wahrnehmbar sind. Überhaupt ist die Familie ein existenzielles Konstrukt für die Orcas: Ihr Leben lang bleiben sie bei ihrer Mutter, selbst ausgewachsenen trennen sie sich nicht vom Familienverband. Lediglich die Männchen verlassen für die Paarung zeitweise die Gruppe, kehren aber anschließend wieder zurück. Diese enge Bindung prägt das soziale Miteinander und schafft Strukturen, die weit über kurzfristige Zweckgemeinschaften hinausgehen. Doch am erstaunlichsten ist, wie wenig wir immer noch – trotz der vermeintlichen Informationsdichte – über Orcas wissen. Immer wieder offenbaren Beobachtungen gänzlich neue Erkenntnisse über die Spezies. 

Mit jeder neuen Information, die ich über sie sammelte, wuchs mein Wunsch, selbst an der Stelle jener FotografInnen und FilmemacherInnen zu sein, deren Dokumentationen ich so oft gesehen hatte und sicherlich war es kein Zufall, dass ich irgendwann einen Expedition Leader kennenlernte, der Exkursionen zu den Orcas in Nordnorwegen guidet. So fand ich mich eines verregneten Nachmittags in meiner kleinen Dachgeschoss-Bibliothek vor meinem Laptop, vertieft in die Vor- und Nachteile verschiedener Unterwasser-Kameragehäuse, um zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich eines in den Warenkorb zu klicken. Nun gab es kein Zurück mehr: Ich begann Eisduschen zu nehmen, trainierte in der Schwimmhalle mit dicken Neoprenhandschuhen die Bedienung meines neuen Kamera-Setups, wählte immer öfter die Gassirunde hin zu der Stelle am Fluss, die tief genug ist, dass man sich hineinsetzen kann. An manchen Tagen glich meine Vorfreude fast schon einer Besessenheit. Sechs Monate lang arbeitete ich daran, die widerstandsfähigste Version meiner selbst zu werden, um mich – wenn es so weit war – voll und ganz auf die Orcas und meine Kamera konzentrieren zu können. Fast schneller als mir lieb war, rückte der Winter 2025 näher und damit meine Chance, eine ganze Woche lang mit den Orcas im Arktischen Ozean zu verbringen. 

Foto: Jonas Beyer

Ende November ging ich in Tromsø, mitten in einem Wintersturm, an Bord der M/S Freya. Ursprünglich als Ölsammelschiff gebaut, kam sie – glücklicherweise — jahrzehntelang nicht zum Einsatz. Schließlich wurde sie durch ein neueres Schiff mit moderner Technik ersetzt und Freya, benannt nach der nordischen Göttin der Liebe, kam unter den Hammer. So begann ihr zweites Leben als Expeditionsschiff unter dem Kommando von Captain Bengt Wiman, nun ausgestattet mit einem Kran für die beiden Zodiacs, gemütlichen Kabinen, Sauna und Hot Tub. 

Unser Ziel: Die Fjorde rund um Skjervøy, wo schroffe Berge mit makellos weißen Schneedecken in die dunkle Stille ragen und Nordlichter die Polarnächte in tanzendem Grün erstrahlen lassen. Hier oben, am 70. Breitengrad, gibt es nur noch vereinzelte Siedlungen, maßgeblich geprägt von der Kultur der Sámi. Genau jene entlegene und vermeintlich lebensfeindliche Region ist seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten der Zufluchtsort der Heringe, die hier nach ihrer langen Wanderungen zwischen Island und der Barentssee im Winter einen geschützten Platz zum Rasten und Laichen suchen. Doch natürlich bleibt ihre Ankunft nicht unbemerkt. Wo sich so viel Fleisch wie auf einem Silbertablett präsentiert, sind die Jäger nicht weit: So strömen mit den Heringen jedes Jahr auch hunderte Orcas, Finn- und Buckelwale zum großen winterlichen Festmahl. 

Orcas jagen im engen Familienverband, all ihre Bewegungen präzise aufeinander abgestimmt. In einem geradezu choreographierten Tanz schneiden sie den Heringen mit Blasenschleiern den Weg ab, senden mit gezielten Schlägen ihrer Schwanzflossen Schockwellen durchs Wasser, um ihre Beute zu betäuben, während sie unentwegt um die Fische herum kreisen. In Folge drängen sich die Heringe dicht zusammen und formen sogenannte Baitballs, nicht selten mit mehr als zwanzig Metern Durchmesser. Und während ein Teil der Familie den Ball zusammenhält, dürfen die anderen fressen. Auch dabei gehen sie mit beeindruckender Präzision vor: Anstatt ihre Beute einfach nur zu verschlingen, picken sie die Tiere einzeln heraus und fressen nur ihre fettesten Teile: Kopf und Bauch. Den Rest spucken sie wieder aus – der Grund, weshalb man das Geschehen Unterwasser oft schon aus der Ferne erahnen kann, wenn hunderte Möwen sich ins Wasser stürzen, um sich die Reste einzuverleiben. 

Immer wieder wiederholt sich das Ritual, Heringsschwärme stieben auseinander und werden erneut formiert. Zeitweise zähle ich bis zu zwanzig Orcas um mich herum. Im Sekundentakt verändert sich das Bild. Wo eben noch dunkle Leere unter mir war, funkeln auf einmal tausende silberne Fischkörper. Es kostet enorme Kraft, mich mit der Kamera mit dem Geschehen zu bewegen. Einmal bin ich zu langsam und gerate in einen der Baitballs, verliere für einen Moment vollkommen die Orientierung, während ich eintausend Ohrfeigen von ihren wild zappelnden Schwanzflossen kassiere. 

Doch dann verändert sich auf einmal von einer Sekunde auf die andere die Stimmung. Der hypnotische Tanz findet ein jähes Ende, Chaos bricht aus, sowohl unter den Heringen als auch unter den Orcas. Für einen kurzen Moment überkommt mich Panik. Ich habe genug Dokumentationen gesehen, um zu wissen, was gleich geschehen wird. Ein letztes Blinzeln, dann passiert alles gleichzeitig: Schräg unter mir taucht ein dunkler Schatten auf, Wasser schwappt, Möwen kreischen und unmittelbar vor mir reißt ein Buckelwal sein gigantisches Maul auf. Mehrere zehntausend Liter nimmt er mit einem einzigen Schluck auf und verdoppelt dabei innerhalb weniger Sekunden sein Körpervolumen. In diesem Moment könnte ich die Hand ausstrecken und ihn berühren. Trotzdem und obwohl ich noch nie zuvor einem Buckelwal begegnet bin, fühle ich eine unerklärliche Sicherheit und bin überzeugt, dass es kein Zufall war, dass er mich nicht einmal touchiert hat. 

Dann ist alles vorbei. Buckelwal, Heringe, Orcas – sie alle verschwinden in der Tiefe, die Möwen nur noch winzige weiße Punkte am Horizont. Zurück bleiben einzelne Fischgräten, die ziellos durch das aufgewühlte Wasser schlingern. Als ich auftauche, sticht mir die eisige Luft in der Lunge und für einen Moment verschwimmt vor meiner tränenbeschlagenen Maske die Grenze zwischen Himmel und Wasser… Unter mir der Ozean, eisig und geheimnisvoll, über mir die hereinbrechende Dunkelheit. 

In weniger als einer Stunde wird der Himmel ebenso schwarz und unendlich sein wie die Tiefe unter mir. Manche mögen die Polarnacht als bedrückend empfinden, doch für mich ist sie ein ebenso bedeutsamer Bestandteil der Magie dieser Reise, wie die Erlebnisse mit den Orcas selbst. In dem Augenblick, da wir das Wasser verlassen, lassen sich bereits die ersten Sterne erahnen, später folgen ihnen die unverkennbaren grünen Lichtschimmer – mal zart und flüchtig, mal zu einem leuchtenden Band verdichtet. Eine stille Erinnerung daran, dass Mutter Natur immer Kräfte und Geheimnisse bereithält, die größer und mächtiger sind als alles, was wir bisher gesehen haben.

Mein Foto-Equipment für diese Reise

  • Canon EOS R5 topside
  • Canon EOS R5 underwater
  • SeaFrogs Unterwasserkameragehäuse mit 8" Dry Dome Port
  • KitDive Aluminium Tray mit zwei Griffen
  • Canon RF 15-35 mm 2.8 IS USM
  • Canon RF 70-200 mm 2.8 IS USM
  • Canon RF 35 mm 1.8 Macro IS STM
  • Sigma Art 24 mm 1.4
  • Osmo Action 5 Pro
  • Action Cam Halterung für den Blitzschuh
  • Kamerarucksack

Ein wichtiger Hinweis, der nicht fehlen darf

Leider sind auch 2026 kommerzielle Wildtierbegegnungen immer noch nicht so streng reguliert, wie sie es sein müssten. Weder gibt es offizielle, allgemeingültige Zertifizierungen noch andere sichere Anhaltspunkte, um verantwortungsvolle Anbieter zu erkennen. Hinzu kommt, dass es sogar innerhalb der Unternehmen große Unterschiede geben kann, abhängig davon, welche*r Guide gerade verantwortlich ist. Im Bereich des Whale Watching ist die WCA, die World Cetacean Alliance, ein guter Anlauflaufpunkt, doch mit ihrer freiwilligen Zertifizierung zählt auch sie bis dato nur wenige Mitglieder. Gerade weil die marinen Ökosysteme aber so sensibel sind und wir immer nur als BesucherInnen kommen, sind wir es all den Wundern, die wir hoffen zu sehen, schuldig, uns eingehend zu informieren - auch wenn das in den meisten Fällen mit einiger Anstrengung einhergeht. 

Deshalb möchte ich dich unbedingt dazu anhalten, tiefgründig zu recherchieren, wenn du selbst mit Walen auf Tour gehen möchtest (und auch bei jeder anderen Wildlife-Tour) - und sei es nur ein kurzer Tagesausflug. Literally jedes Unternehmen behauptet von sich, dass es verantwortungsvoll agiert, weil alle wissen, dass dieses Argument verkauft. Daher nimm dir Zeit: Schreib Nachrichten an Organisationen, WissenschaftlerInnen und Guides, die häufig in der jeweiligen Region unterwegs sind, telefonier auch ruhig mal, lass dir Empfehlungen geben, check Social Media Accounts, geh ganz tief rein ins Rabbit Hole. Sei unbequem. Denn glaub mir, das habe ich leider schon schmerzlich bei einer anderen Gelegenheit lernen müssen: In dem Moment da dir bewusst wird, dass deine Wildlife-Begegnung gerade auf Kosten der Tiere geht, wirst du dich niemals wieder an den Erinnerungen erfreuen können.

Mein persönliches Vertrauen haben auf dieser Reise Jonas Beyer und Catherine Cushenan, besser bekannt als Cat Sharks, gewonnen. Die vielen Momente, in denen sie entschieden haben, dass wir uns nicht in den Lebensraum der Orcas begeben, waren letztlich genau die entscheidenden, die dafür gesorgt haben, dass ich diese Reise so sehr genießen konnte.

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