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5 mystische Orte im tschechischen Erzgebirge

Erzgebirge Tschechien

Seit 28 Jahren lebe ich – zumindest mit kurzer Unterbrechung – am Tor zum Erzgebirge. Unzählige Male bin ich durch alte Bergwerke gekrochen, über die heimischen Berge gewandert, habe Schauschnitzereien und jeden noch so kleinen Weihnachtsmarkt besucht, bin gefühlt tausend Mal mit den Ski den Fichtelberg runtergefahren und hab kiloweise Buttermilchgetzen und Klitscher gegessen… eben all die Dinge, die man als (Rand)Erzgebirger in seinem Leben so tut. Und trotzdem habe ich es bis heute noch nicht einmal geschafft, die tschechische Seite des Erzgebirges zu besuchen. Ganz ohne bestimmten Grund. Bisher hatte sich ein Abstecher hierher einfach nicht ergeben – vor allem dann nicht, wenn man doch genauso gut auch weiter nach Prag fahren kann. Oder!? Seit ich letztes Wochenende aber nun endlich dank einer Pressereise auf die tschechische Seite der Montanlandschaft kam, weiß ich jedoch, dass mir mit meinem Fokus auf Prag jede Menge entgangen ist. Eine Menge von dem, was ich eigentlich am allerliebsten mag: Wanderwege durch wilde Wälder, mystische Märchenbuchkulissen, die Kulturgeschichte meiner Heimat und – das wichtigste – richtig gutes tschechisches Essen. 

Im folgenden Beitrag findest Du nun fünf besonders spannende und mystische Orte, die ich an diesen Tage besucht habe. Und glaub mir, Regen, Nebel und graues Herbstwetter, wie es zu dieser Zeit über die Wälder herrschte, sind erst der richtige Rahmen für eine Reise in die Märchenwelt des tschechischen Erzgebirges.

Die Montanlandschaft Erzgebirge ist Welterbe!

Wusstest Du eigentlich, dass die Montanlandschaft Erzgebirge/Krušnohoří im Juli 2019 zum UNESCO Welterbe ernannt wurde!? Das Welterbe wird dabei durch 22 Welterbestätten repräsentiert – 17 davon auf deutscher Seite und 5 davon auf tschechischer Seite. Noch ein Grund mehr, weshalb ich nun endlich unbedingt auch die tschechische Seite meiner Heimat kennenlernen musste. Die fünf Bestandteile auf tschechischer Seite sind die Montanlandschaften Jachymov, Krupka, Abertamy–Boží Dar–Horní Blatná, die Bergbaulandschaft Vrch Mědník (Kupferberg) und der Rote Turm des Todes bei Ostrov. Diese Orte liegen dabei im ländlichen und bewaldeten Raum und repräsentieren bedeutende Erzreviere und ihre dazugehörigen Bergstädte.

Zauberort #1: Das ehemalige Zinnbergwerk Rolava

Das ehemalige Zinnbergwerk in Rolava (zu deutsch ganz charmant “Sauersack” genannt), liegt ganz versteckt mitten im dicht gewachsenen Wald direkt hinter der deutsch tschechischen Grenze und ist ein fotomotivisches Paradies für alle Lost-Places-Liebhaber. Seine Geschichte ist jedoch leider weniger romantisch, als die magische Umgebung des Zauberwaldes vermuten lässt. 

Das Bergwerk wurde 1939 während des Krieges unter dem Namen “Zinnbergwerk Sudentenland GmbH” gegründet und schließlich 1943 und mithilfe von mehreren hundert Kriegsgefangenen in Betrieb genommen. Die heute erhaltenen Ruinen gehören zu Schacht 1. Jedoch blieb die Anlage nur drei Jahre in Betrieb, bis sie nach einer Bestandsaufnahme durch einen Geologen geschlossen und geflutet wurde – zur selben Zeit, als auch die Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Im Gegensatz zu den vielen Wohnhäusern, die damals in diesem Gebiet niedergerissen wurden, überließ man die Gebäude des Zinnbergwerks sich selbst. Heute haben Moose, Gräser und sogar Bäume die Ruinen in Besitz genommen und verwandeln sie in eine atmosphärische Kulisse, die nur darauf wartet, für einen Horrorfilm entdeckt zu werden.

 

Zauberort #2: Der Große Spitzberg [Velký Špičák]

Wesentlich weniger beklemmend als die Atmosphäre des Zinnbergwerks in Rolava ist der Ausflug zum Großen Spitzberg (tschechisch: Velký Špičák). Von der nahgelegenen Preßnitztalsperre führen mehrere Wege durch die Wald- und Wiesenlandschaft bis zu dem kurzen, steilen Aufstieg am Berg. Von oben hat man dann bei guter Sicht einen fantastischen Ausblick auf die umliegenden Wälder, den Keilberg und Fichtelberg und bis hin zum Ort Bärenstein. 

Zugegeben, viel mehr spannendes gibt es zum Großen Spitzberg kaum zu erzählen, doch sind es vor allem die Wege durch den Forst, entlang der Fichten und durch das wild gewachsene Gras, das den kleinen Abstecher zu einem wirklich hübschen Ausflug machen. Das Auto kannst du dabei je nach Lust und Lauflaune an der Talsperre oder fast direkt unterhalb des Berges an der kleinen Zufahrtsstraße abstellen. Mit Google Maps lassen sich die Straßen problemlos finden.

 

Zauberort #3: Der Johannesstolln [Štola Joahnnes] bei Gottesgab [Boží Dar]

Du findest das bestimmt ganz komisch, aber wenn ich die Grubenlampe anschalte und in einen alten, erzgebirgischen Stolln krieche, bereitet mir das paradoxerweise trotz der Kälte und Nässe immer ein ganz warmes Heimatgefühl. Unzählige Male habe ich in meiner Kindheit die vielen Bergwerke der Region besucht, sodass sich auch heute jeder neue Besuch immer noch anfühlt wie ein kleines Wunder, dem die kindliche Begeisterung einfach nicht weichen kann. Im Fall des Johannesstolln bei Boži Dar war es nicht anders. 

Ganz im Gegenteil, der Johannesstolln ist mit seinen engen Gängen, den vielen gut erhaltenen Türstöcke aus massiven Baumstämmen und dem beeindruckenden hölzernen Schacht wohl eines der schönsten alten Bergwerke, das ich bisher besichtigt habe.

Darüber hinaus ist der gesamte Komplex wirklich außerordentlich gut erhalten, sodass man während des Großen Rundgangs (den ich Dir bei einem Besuch wirklich wärmstens ans Herz legen möchte) mehrere riesige Kammern und ein ganzes Labyrinth aus verzweigten Gängen besichtigen und so die 500-jährige Geschichte des Bergbaus ganz nah erleben kann. Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, dass jeder Bergmann gerade einmal drei Zentimeter Gestein pro Jahr unter höchsten körperlichen Anstrengungen abbauen konnte.

Doch nicht nur der Stollen selbst macht den Ausflug so unglaublich spannend. Allein der 15-minütige Zustieg ab der kleinen Holzhütte, in der man Mantel, Stiefel, Helm und Lampe erhält, macht die Besichtigung zu einem wirklich einmaligen Erlebnis im Erzgebirge. Schritt für Schritt spaziert man hier, gekleidet wie ein kleiner Zwerg, über den nadelbedeckten Waldboden mit seinen verzweigten Wurzeln, vorbei an Farnen und Pilzen, bis man das Mundloch erreicht. 

 

Zauberort #4: Wolfs- und Eisbinge auf dem Plattenberg [Horní Blatná]

So ziemlich jeder Ort, den man im Erzgebirge besuchen kann, steht in unmittelbarer Verbindung zum ehemaligen Erzbergbau – so auch der Plattenberg [Blatenský vrch] in unmittelbarer Nähe des kleinen Ortes Horní Blatná. Vom Bahnhof aus erreicht man den Berg zu Fuß in gerade einmal 20 Minuten. Auch hier wurde im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert reger Zinn- und Erzbergbau betrieben. In Folge dessen entstanden später durch einen Einsturz des Geländes Wolfs- und Einbinge – zwei tiefe Schluchten, die heute die Landschaft des Plattenbergs prägen und bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts so viele Besucher anzogen, dass damals auf dem Gipfel sogar eine Schutzhütte, ein Hotel und ein Aussichtsturm gebaut wurden. Nachdem nach dem zweiten Weltkrieg jedoch die Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden, lag der Hotelbetrieb am Berg brach und die Bauten verkamen ähnlich wie im Fall des Zinnbergwerks Rolava zu Ruinen. Lediglich der Aussichtsturm wurde erhalten.

Heute jedoch wird der Plattenberg wieder gern bewandert und ist ganz besonders an heißen Sommertagen ein echter Geheimtipp. Während selbst Freibäder in den vergangenen Monaten kaum noch Abkühlung genug waren, findet man hier sogar bei über 30 Grad noch Eis aus dem Winter. Durch die geringe Luftzirkulation in dem hohen, schmalen Spalt steigen selbst im Sommer die Temperaturen kaum über 5°C. Diese geographische Gegebenheit wurde bereits zu Zeiten der Völkerschlacht bei Leipzig genutzt, um mit dem “Höhleneis” die Wunden der Verletzten Soldaten zu kühlen.

Wenn Du den Plattenberg erwandern möchtest, kannst Du entweder… 

  • den bequemsten Weg von Horní Blatná wählen (ca. 1km)
  • den Anton-Günther von Johanngeorgenstadt über den grün markierten Fußgängergrenzübergang bei Breitenbach/Potůčky und entlang der gelben Markierung bergauf durch den Wald (8km) 
  • oder Du wählst den längsten, aber wohl schönsten Weg entlang der roten Markierungen von Boží Dar über Bludná zum Berggipfel (15 km).
  • Auf komoot habe ich außerdem eine tolle, knapp 7km lange Runde von Horní Blatná über den Gipfel hinunter zu Eis- und Wolfsbinge gefunden

Übrigens: Wenn Du schon einmal in Horní Blatná bist, solltest Du unbedingt im Restaurant am Aussichtsturm Plesivec essen gehen! Dort gibt es richtig gute tschechische Küche. Und egal, was Du isst, geh auf keinen Fall, bevor Du nicht auch die Plinsen mit Heidelbeeren und frischer Sahne probiert hast 😉

 

Zauberort #5: Die Ruinenstadt Königsmühle [Králův mlýn]

Die Ruinenstadt Königsmühle war so ziemlich mein liebster Ort während meiner Reise durchs tschechische Erzgebirge, denn schon allein die Tatsache, dass die Ruinen mitten in einem Vogelschutzgebiet liegen und nicht mit dem Auto angefahren werden können, lässt einen die Besonderheit eines Besuchs dieses Ortes spüren, bevor man ihn überhaupt erreicht hat. Dieser Tatsache, dass es damals wie heute keine Straße gibt, die Königsmühle mit dem Umland verbindet, ist zu verdanken, dass die Ruinen überhaupt erhalten geblieben sind. Denn auch hier wurden in den 40er Jahren die Sudetendeutschen aus ihren Häusern vertrieben, bevor diese erbarmungslos niedergerissen worden. Lediglich der Umstand, dass Königsmühle nicht ohne Mühe erreichbar war, bewahrte die Gebäude vor dem Abriss. 

Heute wird dem kleinen Ruinendorf deshalb eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung der Geschichte zuteil. Dennoch ist der Ort inzwischen weit mehr als historisches Denkmal und Zeitzeugnis. Im Rahmen des “Land-Art-Treffens” entstanden 2012 und 2013 in und um die Überreste der Wohnhäuser und Mühlen etwa 20 Installationen, die einen bedeutenden Beitrag zur Wiederfindung der Identität des Ortes leisten sollen. Einmal jährlich findet hier zudem ein mehrtägiges Folkmusikfestival statt, organisiert durch die etwa 50-köpfige Gemeinde, die sich dem Erhalt des Ortes verschrieben hat – allen voran Petr Mikšíček, “Bürgermeister” von Königsmühle, Kulturwissenschaftler und Buchautor.

Er ist es auch, der uns während der Reise durch die zauberhafte Landschaft führt und uns mit großer Hingabe an der Geschichte von Königsmühle, der Bedeutung der Installationen und den Sagen um Marzebilla, der Schutzheilige des tschechischen Erzgebirges, teilhaben lässt. Laut ihm sei es sogar erlaubt, ohne vorherige Genehmigung in Königsmühle zu übernachten – vorausgesetzt man schlafe in dem letzten überdachten Wohnhaus (das übrigens sogar einen Kamin hat) oder, wenn man denn lieber im Zelt schlafen wolle, im dahinter liegenden Wald. Perfekt, wenn Du also Lust hast, die Atmosphäre des idyllisch gelegenen Ortes über Nacht wirken zu lassen. 

Transparenz: Dieser Beitrag ist im Rahmen einer unbezahlten Pressereise mit CzechTourism entstanden. Du kannst Dich wie immer voll und ganz darauf verlassen, dass meine Meinung weiterhin unverkäuflich ist und dass all das, was Du hier liest, voll und ganz meiner subjektiven Wahrheit entspricht. Indianerehrenwort.


Darf es jetzt doch noch ein Bier in Prag sein!? Hier findest Du mehr Beiträge für deine Reise nach Tschechien:

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