“Verantwortung ist, etwas ändern zu können” – Eine Reportage zur Rehkitzrettung

“Verantwortung ist, etwas ändern zu können” – Eine Reportage zur Rehkitzrettung

“Verantwortung ist, etwas ändern zu können” – Eine Reportage zur Rehkitzrettung

Noch steht der Mond am Himmel und nur ein schmaler Streifen rosafarbenen Dämmerlichts lässt die Landschaft erahnen. Müde Augen sind auf die Wiese gerichtet, während das monotone Summen einer Drohne sich in die frühmorgendliche Stille erhebt. Ob Müdigkeit oder Anspannung, niemand spricht, alle warten wir auf das Zeichen unseres Drohnenpiloten, dass er im hohen Gras ein Rehkitz erkennt. Zentimeter für Zentimeter fliegt Kevin Winterhoff die Wärmebildkamera über das Feld, hochkonzentriert, um ja kein Tier zu übersehen. 

Morgendliche Stille über den Feldern bei Linscheid/Hagen.

Es ist eine fast alltägliche Szene während der ersten warmen Wochen Ende Mai, wenn das Gras hoch genug und das Wetter ausreichend trocken ist, damit die LandwirtInnen ihre Grünflächen mähen können. Seit Wochen sind die Wiesen am Rand der Wälder gewachsen und zum (Über)lebensraum für Ricken geworden, die ihre neugeborenen Kitze im schützenden Gras ablegen. Mehr als 100.000 Kitze geraten deshalb laut offizieller und konservativer Hochrechnungen jährlich in die Sensen der Mähmaschinen. Nicht immer kommt der Tod schnell, oftmals werden den Tieren Gliedmaßen abgetrennt und nur die glücklicheren unter ihnen erlöst. Einer der vielen Konflikte, der entsteht, wenn Mensch und Wildtier sich Kulturlandschaften teilen. 

Der Kitzretter e.V. in Hagen 2021 gründete Naturfotograf Kevin Winterhoff den Kitzretter e.V. in Hagen. Bereits im ersten Jahr retteten die aktuell 51 Mitglieder unter Einsatz von Wärmebilddrohen (DJI Mavic 2 Enterprise Advanced) 170 Rehkitze aus den Wiesen rund um die Stadt in Südwestfalen.

Der Kitzretter e.V. in Hagen

2021 gründete Naturfotograf Kevin Winterhoff den Kitzretter e.V. in Hagen. Bereits im ersten Jahr retteten die aktuell 51 Mitglieder unter Einsatz von Wärmebilddrohen (DJI Mavic 2 Enterprise Advanced) 170 Rehkitze aus den Wiesen rund um die Stadt in Südwestfalen.

“Da ist was!” Auf dem Display des Steuergeräts erscheint ein kleiner roter Fleck. Ausgestattet mit Walkie Talkies klettern wir über den Zaun, hinein in die taunasse Wiese. Das Gras reicht uns über die Hüfte und nach nur wenigen Metern sind Schuhe und Hose durchweicht, als hätte man sie in einen Wasserbottich getaucht. Schritt für Schritt kämpfen wir uns nach den Anweisungen des Piloten zu der Stelle, an der vielleicht das Rehkitz liegt – wissend, dass jede Minute zählt, in der der Temperaturunterschied zwischen der nachtkühlen Erde und den Körpern noch groß genug ist, um sie sicher mit der Wärmebildkamera zu identifizieren. “Stopp, nicht weiter. Ihr seid genau davor”, schallt es durch den kleinen Lautsprecher. Links und rechts ist nichts zu sehen als Gras. Vorsichtig drehen wir uns noch einmal im Kreis und dann entdecken wir es – ein winziges Loch in der zerzausten Oberfläche der Wiese, kaum größer als zwei Handteller. Und tatsächlich: Ganz unten, eineinhalb Meter tiefer liegt ein Knäul aus braunem und weißem Fell.

Bei dem Kitz handelt es sich nicht etwa um ein verlassenes Jungtier oder die wahrgewordene Tragödie von Bambi. Vielmehr legen die Muttertiere ihre Jungen für jeweils zwei bis drei Stunden an geschützte Stellen, um in dieser Zeit auf Nahrungssuche zu gehen. Anschließend kehren sie zu ihnen zurück, um sie zu säugen und an einen neuen Platz zu legen. Nur die Muttertiere kennen die Stelle, an der sie ihren Nachwuchs zurückgelassen haben. Andere Tiere können die Kitze nicht wittern, da sie die ersten Tage ihres Lebens noch keinen Eigengeruch haben und so bestens gegen Fressfeinde geschützt ist. Der sogenannte “Drückinstinkt”, durch den sie sich bei Gefahr reglos an den Boden pressen, hilft zusätzlich, unliebsame Begegnungen zu vermeiden. Was sich seit Jahrtausenden in der Natur bewährt, wird ihnen so jedoch in den Wiesen der LandwirtInnen zum Verhängnis. Auch später, wenn der Drück- dem Fluchtinstinkt weicht, haben die Tiere bei bis zu 12,5 m breiten Mähwerken kaum eine Chance.

Wenn man dann das Kitz hochnimmt, es rausträgt und den Herzschlag spürt, ist das etwas Wunderbares. Man hat dieses kleine Leben vor einem fürchterlichen Tod bewahrt. [Kevin Winterhoff]

Mein Herz schlägt schneller. Zügig legt Simone Sartingen, eines der aktuell 51 Vereinsmitglieder, die Gummihandschuhe an und reißt mehrere Büschel Gras aus, in denen sie das Kitz gleich wegtragen wird – eine notwendige Maßnahme, um nicht den eigenen Geruch auf das Kitz zu übertragen. Andernfalls würde die Mutter ihren Nachwuchs nicht wieder annehmen. Vorsichtig, aber entschlossen greift sie zu – fest genug, damit sich das Kitz nicht losreißen kann, und doch möglichst sanft, um es auf keinen Fall zu verletzen. Fast vergesse ich zu atmen. Mit dem zerbrechlichen Wesen in den Händen muss sie den Stacheldrahtzaun überwinden, geradewegs an eine hoffentlich geschützte Stelle im Wald. Später, wenn die Ricke bemerkt, dass ihr Kitz am ursprünglichen Platz verschwunden ist, werden sich die beiden durch gegenseitige Rufe finden. 

“Eine Frage des Willens.”

Jetzt muss es zügig gehen – theoretisch. Den LandwirtInnen bleibt nur ein schmales Zeitfenster, bis die Ricken zu ihren Kitzen zurückkehren und sie mit großer Wahrscheinlichkeit wieder in die Wiese legen. Doch früh am Morgen, wenn die Wärmebilddrohnen die sichersten Ergebnisse liefern, ist das Gras noch nass. Lieber mähen die LandwirtInnen deshalb am warmen Nachmittag, um den Trocknungsvorgang zu verkürzen. “Eigentlich ist das nur eine Frage der Organisation.”, dementiert Kevin Winterhoff. “Klar bedarf es anderer Arbeitsschritte, aber die kann man einplanen. Die Bauern, die mit uns kooperieren, machen das. Und selbst wenn die Bauern doch erst später mähen können, ist es möglich, direkt nach der Suche Vergrämungsmaßnahmen zu ergreifen und wenigstens den äußeren Rand zu mähen, damit die Ricke begreift.”

Verantwortung ist, etwas ändern zu können. [Kevin Winterhoff]

Rehkitzrettung Vergrämungsmaßnahmen
Tüten zur Vergrämung der Ricken: Die Tüten müssen leicht sein, damit sie flattern und dürfen erst einen Tag vor der Mahd aufgestellt werden. Andernfalls würden sich die Ricken an sie gewöhnen.

Doch diese Initiative seitens der LandwirtInnen bleibt allzu oft aus – trotz der eigentlich eindeutigen Rechtslage: So heißt es in Artikel 20a des Grundgesetzes: “Der Staat schützt […] die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.” Tierschutz- und Bundesnaturschutzgesetz konkretisieren, “dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leid oder Schäden zufügen darf” bzw. es “verboten [sei], wildlebende Tiere mutwillig zu beunruhigen […], zu fangen, zu verletzen oder zu töten.”

Der Vollzug ist jedoch denkbar problematisch. Ein winziges Rehkitz, womöglich bis zur Unkenntlichkeit entstellt, ist in der Mahd kaum sichtbar und findet demnach nur selten Kläger oder Richter. Weil zudem das Bundesjagdgesetz auch “eindeutig denjenigen [zur Hege verpflichtet], dem das Jagdrecht zusteht”, wird nur zu gern den JagdpächterInnen die alleinige Verantwortung übertragen. Tatsächlich legen die übrigen Gesetze und aktuelle Rechtsprechungen jedoch dar, dass in jedem Fall die LandwirtInnen, wenn nicht sogar die MaschinenführerInnen in der Pflicht sind, kein Tier durch die Mahd zu gefährden.

gerichtsUrteile zum Thema Mähtod:
Az: 1 Cs 301 Js 9380/13 | Az: 1 Ds – 3 Js 12550/03 | Az: 2 Cs 12 Js 17946/09 | Az: 1 S 183/04

Stronger together

Doch es gibt sie auch, die positiven Beispiele, wenn LandwirtInnen, JagdpächterInnen und der Verein Hand in Hand arbeiten: Schon gestern hat Birgit Barczak, zuständige Jagdpächterin, am Rand des Feldes Plastiktüten an die Bäume geknüpft – eine sogenannte Vergrämungsmaßnahme, um die Ricken schon einige Tage vor der angekündigten Mahd auf sanfte Weise zu verscheuchen. Auch jetzt ist sie anwesend und unterstützt über ihre Rolle als “formell rechtliche Absicherung” hinaus selbst beim Heraustragen der Tiere.

Wenn der Bauer ein Kitz ausmäht, ruft er mich an. Stell Dir vor, da liegt es und lebt noch, aber die Läufe fehlen. Das ist ganz schlimm.

erklärt sie ihr Engagement. Bei uns steht auch bereits Landwirt Kurt Kalthaus mit seiner Maschine, bereit sofort zu mähen, wenn der Pilot sich das letzte Mal vergewissert hat, dass die Wiese auch tatsächlich frei ist. Und trotzdem: Unsere Blicke sind starr geheftet auf das kreisende Mähwerk. Meter um Meter verfolgen wir es, hoffend, dass das markerschütternde Geräusch von Sensen auf Knochen ausbleibt. Wir haben Glück! Nach etwa 15 Minuten ist die Wiese fertig gemäht, ohne, dass ein Kitz zu Schaden gekommen ist. 

Siebzehn Rehkitze werden an diesem Tag durch unseres und zwei weitere Teams auf den Feldern vor Hagen gerettet. Inzwischen steht die Sonne bereits über den Bäumen und wärmt unsere Gesichter. In wenigen Minuten wird der Temperaturunterschied zwischen Boden und Kitzen nicht mehr ausreichend, um sie zuverlässig auf der Wärmebildkamera zu erkennen. Doch ohnehin müssen die meisten von uns jetzt auf Arbeit. Gemeinsam kehren wir in feierlicher Hochstimmung zu unseren Autos zurück – ein Gefühl, das so gar nicht passen will zu einem ganz normalen Mittwoch in einer ganz normalen Woche. Aber genau genommen, ist er das auch nicht: Denn wie könnte man einen Tag “normal” nennen, an dem sich so viele leidvolle Schicksale doch noch in letzter Minute zum Guten gewendet haben!?

Wie Du selbst die Rehkitzrettung unterstützen kannst

In der Saison 2021 konnte der Kitzretter e.V. rund um Hagen knapp 170 Rehkitze retten! Um das und mehr auch in der nächsten Saison wieder zu erreichen, ist der stetig wachsende Verein immerzu auf Spenden angewiesen, um die Aufklärungsarbeit, vor allem aber die teuren Wärmebilddrohnen und die Ausbildung der DrohnenpilotInnen zu finanzieren. Die benötigten Drohnen mit Wärmebildkamera kosten im Schnitt 6000 Euro. Dabei gilt: Je mehr Drohnen und PilotInnen, desto mehr Teams können gleichzeitig losziehen. Das ist deshalb so wichtig, da die Mahd wetterabhängig ist und flächendeckend innerhalb weniger Tage/Wochen stattfindet. Je mehr HelferInnen dann unterwegs sein können, desto besser! 

Spendenkonto des Kitzretter e.V. in Hagen: WWW.PAYPAL.ME/KITZRETTER
FACEBOOK | INSTAGRAM

Natürlich kannst Du dich aber auch selbst in einem Verein engagieren. Vielleicht gibt es ja sogar schon einen in deiner Nähe! Einige Vereine sind auf der Website der Deutschen Wildtierstiftung gelistet. Darüber hinaus lohnt sich auch ein Gespräch mit ortsansässigen Jagdgesellschaften, da nicht jede Rehkitzrettung durch Vereine organisiert wird.

Andere Artikel, die dich auch interessieren könnten:

1 Comment
  • 9 Monaten ago

    Wir können heute dankbar für die Technik sein. Vor ein paar Jahren gab es noch keine Drohnen für diesen Zweck. Von daher Danke an die Kitzretter.

    Jochen

Leave a Comment
Leave A Comment Your email address will not be published