Auf einem langsamen Spaziergang durch die Cairngorms – zu einer Zeit, in der genaues Hinsehen wichtiger ist als je zuvor

"To aim for the highest point is not the only way to climb a mountain." — Nan Shepherd

Wie ein Geschenkband zieht sich der Pfad in Kehren aus dem Kessel hinaus, geradewegs in Richtung Gipfel. Nach Wochen im Nirgendwo, in denen jeder Schritt eine Entscheidung war, gleicht dieser Pfad einem tiefen Atemzug – klar, vorgezeichnet, gnädig. Und doch drehe ich mich um. Wie ein Auge liegt unter mir der See. Und er lebt: Mit jeder Wolke, die vor die Sonne zieht, verändert er seine Farbe. Von verheißungsvollem Türkis zu bedrohlich dunklem Grau, dann wieder in sattes Jadegrün. Ich setze mich neben dem Weg auf die Wiese, den Rücken zum Gipfel und kann den Blick nicht lösen. Der Wind zerrt an der Wasseroberfläche, treibt feine, helle Schlieren über das Dunkel. Für einen Moment reißen die Wolken und das Licht bricht so grell auf dem Wasser, dass ich die Augen zusammenkneifen muss – als hätte jemand geschmolzenes Silber zwischen die Bergflanken gegossen.

Es ist der allererste Satz dieses Textes, der mich hier sitzen lässt – geschrieben von einer Frau, die ihr ganzes Leben genau diesen Bergen widmete: Nan Shepherd, Autorin von The Living Mountain*. Geboren 1893 bei Aberdeen, führte sie ein unauffälliges Berufsleben als Englischlehrerin. Abseits des Klassenzimmers jedoch gehörte ihr Leben den schottischen Cairngorm Mountains. Während ihre männlichen Zeitgenossen Gipfel eroberten, richtete sie den Blick dorthin, wo zuvor kaum jemand hingesehen hatte: auf das tiefere Wesen eines Berges. Ihr Manuskript entstand in den 1940er-Jahren, wurde jedoch erst 1977 veröffentlicht – zu spät, um das heroisch-männliche Bergsteigernarrativ ihrer Epoche direkt herauszufordern, gerade rechtzeitig, um es aus der Rückschau ein für alle Mal zu Fall zu bringen.

Geologisch handelt es sich bei den Cairngorms um eines der ältesten Gebirgsmassive Schottlands: ein gewaltiger Granitpluton, vor rund 400 Millionen Jahren im Erdinneren erstarrt und seither durch Erosion freigelegt und von den Gletschern der letzten Eiszeit langsam zu seiner heutigen Gestalt geformt: Kein schroffes Alpenpanorama, keine messerscharfen Grate wie auf der Isle of Skye, sondern ein sanft gerundetes Hochplateau. Shepherd selbst fand für diese Form die treffendsten Worte: "The plateau is the true summit of these mountains; they must be seen as a single mountain, and the individual tops [...] though sundered from one another by fissures and deep descents, are no more than eddies on the plateau surface." Diese geologische Eigenheit prägt, wie sich die Berglandschaft anfühlt: weniger vertikal, dafür unendlich weiträumig.

Ein Stück weiter oben verändert sich der Boden unter mir. Eben noch eine Heidekrautfläche, nun lückenhaft und grau-grün gesprenkelt von Flechten, die sich über die Steine ziehen. Ich bücke mich, berühre eine von ihnen – rau und spröde unter meinen Fingerspitzen und so viel älter, als ihre unscheinbare Größe vermuten lässt. Für die wenigen Zentimeter, die sie gewachsen ist, hat sie vermutlich Jahrzehnte benötigt. Den Blick auf die Flechte gerichtet, bin ich mir für einen Sekundenbruchteil nicht mehr sicher, wo ich mich befinde. Es ist die gleiche karge, offene Weite unter dem gleichen tief hängenden Himmel wie damals in Lappland. Ich weiß, dass ich mich fast tausend Kilometer weiter südlich befinde und trotzdem lassen sich die Ähnlichkeiten nicht übersehen.

Orchideen, wie man sie auch im skandinavischen Fjäll findet

Und ich bin nicht die Erste, der dieser Gedanke kommt. 1947 blickte der samische Rentierhirte Mikel Utsi von einer Eisenbahnbrücke bei Aviemore auf genau diese Berge und fühlte sich an seine Heimat in Nordschweden erinnert. Was ihn überzeugte, war nicht nur der Anblick, sondern das, was auf den Hängen wuchs: dieselben Arten von Flechten, von denen sich Rentiere ernähren, hier in Fülle und ungenutzt, seit die letzten wilden Rentiere vor rund 800 Jahren aus den Highlands verschwunden waren. Fünf Jahre später brachte Utsi die ersten Tiere aus Schweden herüber. Bis heute ziehen ihre Nachfahren frei durch dieses Gelände – als einzige wildlebende Rentierherde Großbritanniens.

Utsi vertraute dabei seinem eigenen Blick. Jahrzehnte später bestätigte die Wissenschaft, was er instinktiv erkannt hatte: Das Cairngorm-Plateau beherbergt tatsächlich Pflanzengemeinschaften, die denen der Tundra Alaskas und Skandinaviens verblüffend ähneln, obwohl sie so viel weiter südlich liegen. Was hier auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, erklärt sich durch die Höhe des Geländes: Innerhalb der Grenzen des Cairngorms-Nationalparks – wohlgemerkt des größten Nationalparks Großbritanniens – liegen fünf der sechs höchsten Berge des Landes und formen zwischen sich die größte hochgebirgsähnliche Berggruppe der Britischen Inseln. Neben den Rentieren hat sich hier so eine Tierwelt gehalten, die auf genau solche Lebensräume angewiesen ist: Schneehühner, die ihr Federkleid je nach Jahreszeit zwischen Braun und Winterweiß wechseln, Schneehasen, die seltene Schneeammer, im Sommer der Mornellregenpfeifer.

Der Wind, der oben auf dem Gipfel alles übertönt und mich beinahe von den Füßen gerissen hätte, wird schlagartig leiser, sobald ich die Anhöhe verlasse und bald höre ich auch die Vögel wieder. Ein einzelner Ruf, dann ein zweiter. Sie sitzen in den Kiefern mit ihren weit ausladenden Kronen, die sich Gespensterhänden gleich zum Himmel recken. Ich lege meine Hand an den nächsten Stamm. Er ist warm von der Sonne, uneben unter meiner Handfläche. "When the aromatic savour of the pine goes searching into the deepest recesses of my lungs, I know it is life that is entering. I draw life in through the delicate hairs of my nostrils", schrieb Shepherd über genau diesen Wald. Ich atme ein und sehe mich vor meinem geistigen Auge neben ihr stehen.

Was ich hier berühre, ist der letzte Rest eines Waldes, der einst das ganze Land bedeckte: der Caledonian Forest. Heute sind davon nur noch verstreute Fragmente übrig – Rothiemurchus und Abernethy, direkt im Herzen der Cairngorms gelegen, gehören zu den größten und intaktesten. Einige der hier wachsenden Scots Pines sind über 300 Jahre alt, mit tief gefurchter, rötlicher Rinde und von manchmal fast bizarrem Wuchs, der sich deutlich von den gleichförmigen Forstplantagen unterscheidet, die andernorts das schottische Landschaftsbild prägen. 

Während ich hier mit geschlossenen Augen stehe, weiß ich zum Glück noch nicht, dass genau dieser Geruch in wenigen Wochen durch einen gänzlich anderen ersetzt sein wird: Rauch. Dass diese Kiefern, die sich gerade im Wind wiegen, zu dem Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, bereits nicht mehr existieren. Jahrhunderte haben sie gebraucht, um zu wachsen. Wenige Tage haben genügt, um sie zu verbrennen. Selbst das vermeintlich verregnete Schottland verzeichnet in den vergangenen Jahren immer mehr Heide- und Waldbrände. Was sich in diesem Moment noch zeitlos und unveränderlich anfühlte, erweist sich auf einmal als zutiefst verletzlich. 

Doch das Feuer ist nur die sichtbarste, plötzlichste Bedrohung für den Wald der Cairngorms. Eine andere, weit unauffälligere Gefahr wirkt seit Jahrzehnten mit bezauberndem Unschuldsblick im Hintergrund. Vor etwa 350 Jahren wurden die letzten Wölfe in Schottland ausgerottet – seither fehlt den Hirschen jeder natürliche Feind. Die Bestände sind massiv gewachsen, aktuelle Schätzungen gehen von mehr als einer Million Hirschen in Schottland aus. Die Folge: Junge Bäume werden abgefressen, bevor sie überhaupt heranwachsen können. Der Wald altert, ohne sich zu erneuern.

Die Lösung, die ein Forschungsteam der University of Leeds im vergangenen Jahr vorstellte, liegt entsprechend nahe. Sie modellierten die Wiederansiedlung von Wölfen in vier schottischen Wildnisgebieten – die Cairngorms eingeschlossen. Ihr Ergebnis: 167 Wölfe würden ausreichen, um die Rotwildpopulation soweit zu verkleinern, dass sich Wälder wieder auf natürliche Weise regenerieren könnten. Der mögliche zusätzliche CO₂-Speichereffekt durch die dadurch entstehende Waldausbreitung ist auf rund eine Million Tonnen jährlich beziffert. Doch kaum ein Thema spaltet die Highlands so zuverlässig wie dieses, denn die meisten LandwirtInnen sehen in jedem einzelnen Wolf eine Bedrohung.

Es ist eine Debatte, die zeigt, wie sehr sich die Fragen an diese Landschaft seit Shepherds Zeiten verändert haben, jedoch auch, wie sehr ihre Haltung trotzdem noch wirkt. The Living Mountain wird bis heute gelesen, diskutiert, neu entdeckt: Robert MacFarlane kommentiert “I read it, and was changed”. Ihr Ansatz inspiriert sogar aktuelle Projekte wie Following Nan, das Wandernde unterschiedlichster Voraussetzungen in die Cairngorms führte, um diese dort ganz in Shepherds Sinne zu erleben: verbindend statt erobernd, langsam statt zielstrebig, offen für das Kleine wie für das Große. Der daraus entstandene Dokumentarfilm To Know A Mountain wurde auf Bergfilmfestivals in ganz Europa gefeiert. 

Genau dieser Blick – geduldig, aufmerksam, ohne Anspruch auf Eroberung – ist es, den Landschaften wie die Cairngorms heute mehr denn je brauchen. Nicht, weil er romantisch wäre, sondern weil die Entscheidungen, die über ihre Zukunft bestimmen – ob Wälder brennen oder nachwachsen, ob sich wieder ein natürliches Gleichgewicht entwickeln darf – keine schnellen sind. Sie verlangen genau die Art von genauem Hinsehen, die Shepherd vor achtzig Jahren zu einer eigenen Kunstform machte.

An Lochan Uaine heißt er – jener See unter dem Gipfel, auf den ich zurückblickte und der mich die Zeit vergessen ließ. Dort, genau oberhalb dieser Ufer, wütete das Feuer. Was bleibt, ist eine Trauer, die sich schwer fassen lässt: Um einen Ort, an dem ich eigentlich nur ein paar Wochen verbracht habe und der sich doch – durch Shepherds Augen gesehen – anfühlt, als hätte ich ihn mein ganzes Leben lang gekannt. Sie beschrieb einst die Farbe dieses Wassers mit den Worten "the green gleam of old copper roofs". Dieser Glanz wird überdauern, ganz gleich, wie schwarz und leer seine Ufer heute daliegen. Daran möchte ich glauben. Wälder wachsen nach, langsamer, als man es sich wünscht, aber unaufhaltsam – schneller vielleicht, wenn der Mensch bereit ist, alte Fehler zu korrigieren. "It's a grand thing, to get leave to live", schreibt sie. Auch dieser Berg hat diese Erlaubnis. Und er wird sie nutzen.

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