
Die Woiwodschaft Podlaskie (deutsche Form: Podlachien) liegt im äußersten Nordosten Polens, unmittelbar an der litauisch-belarussischen Grenze. Durch die Grenzlage und jahrhundertelange Einflüsse aus verschiedenen Kulturen und Religionen unterscheidet sich diese Region deutlich vom restlichen Polen. Tatsächlich sagen selbst PolInnen, dass sich Podlachien für sie fast wie ein anderes Land anfühle.
Was diese Region so besonders macht, zeigt sich auf mehreren Ebenen: Katholischer, orthodoxer und jüdischer Glaube existieren hier auf engstem Raum nebeneinander – außerdem auch eine kleine tatarische Minderheit, die seit rund 600 Jahren in Podlachien lebt. Ebenso vielseitig und einzigartig ist die Natur: Mit Białowieża liegt hier der letzte Flachland-Urwald Europas, UNESCO-Weltnaturerbe und Heimat der größten wildlebenden Wisent-Population des Kontinents. Für alle, die sich für Wildtiere und unberührte Landschaften begeistern, ist die Region damit nichts weniger als ein Paradies.
Und auch wenn ich selbst keine Vergleiche zu anderen Gegenden Polens ziehen kann, ist mir eine Besonderheit sofort aufgefallen: Podlachien ist eine Region, in der man mit Google Maps nicht weit kommt, eine Region, in der man Papierkarten braucht und mit den Locals sprechen muss, um „Orte" zu finden.
Białowieża: Der letzte Flachland-Urwald Europas
Białowieża ist der letzte Flachland-Urwald Europas – UNESCO-Weltnaturerbe und unberührt seit rund 10.000 Jahren. Hier wachsen die höchsten Laubbäume des Kontinents – manche Eichen bis zu 50 Meter und manche Eschen bis zu 40 Meter hoch – und über 12.000 Tier- und 5.000 Pflanzenarten haben hier ihren Lebensraum. Viele dieser Arten sind sogar endemisch (kommen also nur hier in diesem Ökosystem vor) und noch immer werden neue Arten entdeckt. Berühmtester Bewohner: der Wisent, das größte und schwerste Landsäugetier Europas. Mehr als 1000 von ihnen ziehen derzeit frei durch die Wälder. Tatsächlich sind die Wisente sogar der Grund, weshalb der Urwald so lange Zeit überdauern konnte (mehr dazu im Artikel: Białowieża – Der Wald der Wisente).





Den Schutzstatus des Białowieża-Waldes verstehen (und was er für deine Reise bedeutet)
Wegen seiner unglaublichen Biodiversität zählt der Wald heute zu den am strengsten geschützten Naturräumen Europas. Allerdings ist der Schutzstatus ziemlich kompliziert, an vielen Stellen finden sich Falschinformationen. Deshalb hier einmal ganz übersichtlich:
- Der Białowieża-Urwald ist ein Naturschutzgebiet auf beiden Seiten der polnisch-belarussischen Grenze.
- Das gesamte Gebiet wurde 1979 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt und umfasst eine Fläche in etwa doppelt so groß wie das Stadtgebiet von Hamburg.
- Der belarussische Teil steht außerdem vollständig unter Schutz als Nationalpark, in Polen sind es ca. 15% der Fläche.
- Der Nationalpark in Polen (also jene 15%) befindet sich unmittelbar bei der gleichnamigen Ortschaft Białowieża und darf ausschließlich mit Guide betreten werden.


Den Białowieża-Nationalpark erleben: Alles, was du wissen musst
Wie eben erwähnt, darf man den Nationalpark selbst nur mit Guide betreten, wobei die Buchung fast ein bisschen an Lonely Planet-Zeiten erinnert, als man für geführte Touren noch telefonieren und E-Mails schreiben musste – für mich ein wundervoller kleiner Akt der Nostalgie. Die vollständige Liste der lizenzierten Guides gibt’s auf der offiziellen Website des Nationalparks; während der Hauptsaison trifft man aber auch Guides am Eingang zum Palastpark (unmittelbar am Parkplatz). Trotzdem empfehle ich dir die Buchung vorab, denn je nach Besucheraufkommen kann es natürlich sein, dass bereits alle Touren belegt sind.
Außerdem hast du bei einer Vorab-Buchung die Möglichkeit, zwischen günstigeren Gruppen-Führungen, barrierefreien oder individuellen zu wählen. Einige Guides haben sich außerdem auf besondere Wildlife-Themen spezialisiert, wie bspw. die Artenvielfalt der Pilze (ein großes Thema hier), die Suche nach den Sperlingskäuzen oder den Wisenten. Wenn du daran interessiert bist, lohnt sich eine Mail an bpn@bpn.com.pl. Die MitarbeiterInnen werden dir sicherlich den passenden Guide empfehlen.
Die Touren dauern – wenn nicht anders vereinbart oder zu einem speziellen Thema – in der Regel 2 Stunden, in denen man nicht nur einige der höchsten Bäume des Urwaldes besucht, sondern während der man auch lernt, was ihn so einzigartig macht und wie er sich ständig verändert.
Wichtig: Zusätzlich zum Guide benötigst du außerdem ein Ticket für Nationalpark. Das kostet aktuell 10 PLN und kann bequem online gekauft werden.





Den Białowieża-Wald auf eigene Faust entdecken
Außerhalb der eingezäunten Nationalparkzone an am Dorf Białowieża kannst du dich wie gewohnt frei bewegen. Hier gibt es Wanderwege und Fahrradrouten, außerdem verkehrt noch immer die historische Schmalspurbahn – allerdings heute zum Vergnügen und nicht mehr dazu, um den Wald abzuholzen.
Folgend meine TOP 5 an Touren und Ausflügen, bei denen du den Białowieża-Wald ganz intensiv erleben kannst
- Spaziergang auf dem Royal Oak Tree Trail zu den Riesen-Eichen (Szlak Dębów Królewskich)
1,5 Kilometer, Ausgangspunkt: Wanderparkplatz, Tour bei komoot - Rundwanderung bei Kosy Most entlang zweier Flüsse
8,7 km, Ausgangspunkt: Wanderparkplatz Kosy Most, Tour bei komoot - Fahrradtour von Narewka nach Teremiski & Budy mit Chance auf Wisent-Sichtung
33 km, Ausgangspunkt: Fahrradverleih Tłuste Koła in Narewka, Tour bei komoot - Besuch im Natural Forest Museum im Palastpark in Białowieża
zur Website, Eintritt 14 PLN - eine Fahrt mit der Schmalspurbahn zwischen Hajnówka und Topiło
zur Website, Ticket 60 PLN



Mein persönliches Podlachien-Highlight: Eine Paddeltour auf der Narewka
Die Flüsse, die durch den Białowieża-Urwald mäandern sind auffallend schmal, oft kaum breiter als ein bis zwei Meter, ihre Ufer dicht bewachsen. Schließt man hier die Augen, kann man der Reichtum dieses Lebensraums förmlich hören. Schon am ersten Abend meiner Reise habe ich ein Nutria oder einen Biber wenige Meter von mir entfernt durchs Wasser schwimmen sehen... Damit war klar: Diese Flüsse würde ich gern aus der Nähe erleben.

Die drei Flüsse der Region, die sich mit dem Kajak befahren lassen:
- Der Narew, der größte Fluss der Region, wobei der Abschnitt zwischen Suraż und Rzędziany als der ursprünglichste gilt und gern auch mal als "Amazonas Polens" bezeichnet wird.
- Der Supraśl, ein Nebenfluss des Narew, meist zwischen 3 und 20 Meter breit und bekannt für die zahlreichen natürlichen Hindernisse, die die Paddeltouren zu einem echten Abenteuer machen
- und die Narewka mit ihrem malerischen, schmalen Flusslauf; Wasser und Ufer dicht bewachsen
Meine Vorstellung: Je schmaler, desto aufregender! So fiel die Wahl auf die Narewka. Spoiler: Die Tour sollte mich nicht enttäuschen. Der Kajakverleih im gleichnamigen Ort ist nicht zu übersehen: Dort, wo die Straße den Fluss kreuzt liegen bereits jede Menge Boote der beiden ansässigen Anbieter bereit. Auch hier erinnert das Prozedere auf sympathische Art an Lonely Planet-Zeiten: Gebucht wird - wenn überhaupt - per Telefon (der Betreiber von NES-Tours spricht sogar gebrochen deutsch), Kartenmaterial gibt es keines, nur eine grobe Beschreibung des Pick Up Points, abhängig davon, wie lang man unterwegs sein möchte.
Und dann geht's auch schon los: Vorbei an dicht gewachsenem Schilf, hunderten gelben Teichrosen, ebenso vielen blau schillernden Libellen, unzähligen Uferschwalben-Bruthöhlen (achte auf die Löcher in den Hängen) und ganzen Teppichen aus Wildblumen. Zwischendurch kommt man sogar an einem kleinen Sandstrand vorbei, an dem keine Pflanzen im Wasser wachsen, sodass man baden gehen kann!
Trotz aller Schönheit ist die Tour aber ein echtes Workout! Durch die dichten Pflanzenteppiche im Wasser und die geringe Strömung braucht es mehr Kraft als gewöhnlich um vorwärts zu kommen. Ein kleines bisschen Armkraft ist also durchaus von Vorteil. Eine weitere kleine Service-Info, die man dir vor Ort wegen der Sprachbarriere sicherlich verschweigen wird: Die 3-stündige Tour endet kurz vor der Most na Narewce (Most = Brücke) in Stare Lewkowo. Doch keine Sorge: Der Ausstieg ist dank Schildern und flachem Ufer nicht zu übersehen.





Podlachien: Das Zentrum der polnischen Tataren und warum du dieses Thema auf keinen Fall verpassen solltest
zur Website von Kruszyniany | Eintritt in die Moschee: 15 PLN | Schuhe ausziehen, fotografieren verboten (ich hatte als Journalistin eine Sondergenehmigung)
Römisch-Katholisch, polnisch-orthodox, muslimisch – ein kleiner Flecken Land, vier Glauben. Die kleinste und am wenigsten bekannte Gruppe: die Tataren. Ihre Wurzeln reichen bis in die Steppen der Mongolei zurück – manche in der Gemeinde nennen sich noch heute Nachkommen Dschingis Khans. Vor rund 600 Jahren wurden sie als Krieger ins Land gerufen und kämpften über die Jahrhunderte an der Seite polnischer Könige. Zum Lohn gab es Land in Ostpolen und ein Privileg, das damals höchst selten war: Sie durften ihren Glauben behalten und christliche Frauen heiraten. Doch die Gemeinschaft ist klein: Keine 5.000 Tataren leben heute noch in ganz Polen – umso außergewöhnlicher die Chance, hier auf Reisen einer Glaubensgemeinschaft zu begegnen, über die man sonst kaum etwas erfährt.
Ihr wichtigstes Zentrum liegt in Kruszyniany, einem verschlafenen Dorf nahe der belarussischen Grenze. Hier steht die älteste erhaltene Moschee Polens, ein schlichter Holzbau aus dem 18. Jahrhundert, mit grüner Fassade und goldenen Halbmonden auf den Türmchen. Ein kurioser Funfact dazu: Weil die Tataren selbst Krieger und keine Baumeister waren, überließen sie den Bau ihrer Moschee kurzerhand den Einheimischen. Doch die kannten nur eine Bauweise – deshalb steckt ihr Gebetsraum bis heute in der Hülle einer orthodoxen Kirche.
Wer möchte, kann die Moschee im Rahmen einer Führung besichtigen und danach den angrenzenden Mizar besuchen, einen jahrhundertealten muslimischen Friedhof mitten im Wald. Gleich nebenan lädt die „Tatarska Jurta" – ein Familienbetrieb, in dem man Spezialitäten wie Pierekaczewnik (eine herzhafte Blätterteigpastete) oder Kołduny (gefüllte Teigtaschen) probieren kann; außerdem gibt es ein kleines Museum. Wer Glück hat, trifft sogar auf Mitglieder der Gemeinde selbst, die bereitwillig von ihrer Geschichte erzählen – von Kriegsdiensten, verlorenen Sprachen und dem Kampf, die eigene Kultur für die nächste Generation lebendig zu halten.




Meine Bilder geben in diesem Fall leider überhaupt nicht die Fülle meines Besuchs in Kruszyniany wieder: Hauptsächlich deshalb, weil er vor allem aus Austausch bestand und die Situation es einfach nicht hergegeben hat, den Menschen meine Kamera ins Gesicht zu halten. Aber glaub mir: Diesen Ort solltest du unter keinen Umständen auslassen!
Noch mehr religiöse Stätten in Podlachien
Wie schon die Geschichte der Tataren zeigt, ist Podlachien kulturell und religiös eine der interessantesten Region Polens. Auch wer abseits der bekannten Städte durch kleine Dörfer reist, stößt so immer wieder auf religiöse Bauten, die man in dieser Form sonst kaum in Polen findet – von schlichten Holzkirchen bis zu bedeutenden Wallfahrtsorten. Religion ist hier also weit mehr als Geschichte: Sie prägt bis heute das Alltagsleben, die Architektur und den Charakter ganzer Ortschaften. Und selbst, wenn Religion normalerweise nicht unbedingt zu deinen Interessen zählt, solltest du dir diese Orte für deine Reise unbedingt vormerken:
- die bunten orthodoxen Holzkirchen in Puchły und Trześcianka
- Skit Świętych in Odrynki, ein Kloster erbaut auf einer Insel im Fluss Narewka
- Holy Mount Grabarka (Święta Góra Grabarka), der bedeutendste orthodoxe Wallfahrtsort Polens, auch "Berg der Kreuze" genannt
- die Ruinen St.-Antonius-Kirche in Jałówka
- das Museum of Icons in Supraśl, zugegebenermaßen etwas kurios aber genau deshalb auch so spannend




Richtig gut essen in Podlachien
Das Geheimnis der podlachischen Küche: Einfache, frische Zutaten und ein Mix aus litauischen, belarussischen und tatarischen Einflüssen, der sich über Generationen mit Liebe weitervererbt hat. Das Ergebnis: Gerichte, die man sonst in dieser Art nirgendwo sonst in Polen bekommt - z.B. den Schichtkuchen Marcinek, traditionell bestehend aus bis zu 30 hauchdünnen Schichten mit Schmand, sauren Korycin-Käse, die gefüllten Kartoffelklöße Kartacze oder saftigen Kartoffelkuchen. Folgend drei Restaurant-Empfehlungen, die wirklich von Herzen kommen:
Duchowe Łąki in Supraśl
Duchowe Łąki – übersetzt „Spirituelle Wiesen" – verspricht ein Fest für die Augen: Jeder Teller ist übersät mit essbaren Blüten und Kräutern, angerichtet zu einem regelrechten Kunstwerk. Ebenso aufregend wie der Blick auf den Tisch ist der Blick in die Umgebung: Das Restaurant liegt im Klosters von Supraśl, direkt über dem Fluss und seinen grünen Uferwiesen. Tipp: Auf keinen Fall den Marcinek am Ende auslassen!


Bojarski Gościniec in Narewka
Bojarski Gościniec ist berühmt für seine Pierogi – die Adresse Nummer eins dafür in der ganzen Region. Am besten bestellst du einen gemischten Teller (nicht auf der Karte), um auch wirklich alle Füllungen probieren zu können. Weil das Gasthaus so beliebt beliebt ist, solltest du unbedingt vorab reservieren. Tipp: Auf der Terrasse mit Blick über Wald und Wiese sitzt es sich besonders schön.


Stoczek 1929 in Białowieża

Das Restaurant Stoczek 1929 serviert klassische podlachische Küche in einem historischen Gebäude direkt in Białowieża - der perfekte Abschluss also für den Ausflug in den Nationalpark. Absolutes Highlight: der Kartoffel-Babka – saftig und würzig, aber nicht zu fettig. Außerdem lohnt sich ein genauer Blick in die Getränkekarte: Hier gibt es viele regionale Spezialitäten wie podlachischen Cider, Kwas und Podpiwek.
Übernachten in Podlachien: Zwei Tipps, die von Herzen kommen
Bojarski Gościniec: Stilvoll übernachten, mitten im Grünen
Bojarski Gościniec ist nicht nur wegen seiner Pierogi eine der beliebtesten Adressen der Region. Zum Gasthaus gehören auch kleine Zimmer, gemütliche Cottages und – versteckt im Hang – mehrere Apartments, deren Terrassen direkt über dem plätschernden Fluss liegen. Den Machern ist dabei ein echtes Meisterstück gelungen: Die Räume sind traditionell und cozy gestaltet, ohne je museal oder verstaubt zu wirken – stattdessen trifft rustikaler Charme auf modernes, stilvolles Design. Was sie alle gemeinsam haben: den traumhaften Blick über Wald, Wiese und Wasser. Schlägt man nur früh genug die Augen auf, sind die Wildlife-Sichtungen quasi garantiert.
Dom na Wschodzie: Kein Hotel, sondern ein zweites Zuhause
Wer das "echte" Podlachien erleben will, landet unweigerlich im Dom na Wschodzie mit seinen einfachen Zimmern, quietschenden Holzdielen und all seinem Charakter. Gefrühstückt und zu Abend gegessen wird gemeinsam, am großen Tisch, mit allen, die gerade da sind – Gäste, Gastgeber, alle zusammen. Genau das ist der Punkt: Hier kann man sich nur schwer Zurückziehen, stattdessen geht's viel mehr ums Reden, Zuhören, Dazugehören. Wer lieber seine Ruhe will, ist hier deshalb falsch. Wer jedoch Gesellschaft mag, bekommt im Dom na Wschodzie buchstäblich und metaphorisch ein Stück echtes Podlachien serviert – authentischer geht kaum.





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