Die rauen Holzdielen knarren unter meinen Füßen, als ich den Steg entlang laufe. Überall riecht es trügerisch nach Sommer am Meer – bis die ersten eiskalten Tropfen auf meiner Haut die Illusion zerstören. Es ist Februar, ich stehe im Ribersborgs Kallbadhus in Malmö und schaue auf 2°C kaltes Wasser. Die Schwedinnen neben mir lächeln, halb herausfordernd, halb ermunternd. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr: Eben noch habe ich mich in der Sauna angeregt mit ihnen unterhalten, jetzt wäre es unelegant, zu kneifen. Also einmal ein- und wieder ausatmen, dann steht die Welt kurz still. Prustend und bibbernd steige ich die Leiter wieder hinauf und fühle mich – neben elendig kalt – so berauscht, hellwach und lebendig wie schon lange nicht mehr.

Kaltbaden ist in Schweden keine Trendsportart und kein Wellness-Konzept – es ist schlicht Teil des Alltags. Wer das verstehen will, sollte ein Kallbadhus besuchen.

Warum ein Kallbadhus etwas anderes ist als die Sauna, die du kennst

Ein Kallbadhus – wörtlich: Kaltbadehaus – ist eine Badeanlage auf Holzpfählen, mitten ins Meer hinein gebaut und mit dem Ufer über einen langen Holzsteg verbunden. Darin: Saunen, einfache Umkleiden, Leitern ins offene Wasser. Kein Spa, keine Wellnessanlage – die Ausstattung ist bewusst schlicht, denn der Luxus wartet draußen: das Meer, der Horizont, die Luft. Auch Eiswasserbecken sucht man vergeblich. Die SchwedInnen kühlen sich im echten Wasser ab, auch im Winter, wenn die Temperatur gegen null geht. Im ganzen Land gibt es rund 50 solcher Häuser, die meisten an der Süd- und Westküste.

Architektur zwischen Märchenpalast und kubischem Holzbau

Die Gebäude selbst sind ein Kapitel für sich – und kein einheitliches. Auf der einen Seite des Spektrums: das Varberger Kallbadhus, das mit seinen Zwiebeltürmen und orientalischer Ornamentik wie ein verirrter maurischer Palast wirkt, wie er im Kattegat den kalten Wellen trotzt. Auf der anderen Seite das 2015 eröffnete Kallbadhus in Karlshamn: ein kubisches Ensemble mit grauer Holzfassade, das sich der Umgebung aus Felsen, Klippen und Wasser anpasst – entworfen vom renommierten Büro White Arkitekter als funktionale, abstrakte Interpretation eines nordischen Klassikers.

Was alle Häuser eint: Die Saunen sind dem offenen Meer zugewandt, die Panoramafenster geben den Blick frei auf Wasser, Wellen und Horizont. Viele Gebäude haben Jahrzehnte auf dem Buckel und tragen das stolz zur Schau: abgeblätterte Farbe, winzige Metallspinte, raue Holzdielen. Kein Vintage-Look, sondern ein unnachahmliches Original.

Die Sauna in Schweden - ein Sündenpfuhl

Die Geschichte der schwedischen Kaltbadehäuser beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert – und das doch gleich mit einem Skandal. Im schonischen Küstenort Mölle wurde damals eines der ersten Kallbadhus errichtet, das Männern und Frauen gemeinsames Baden erlaubte. Das war in Europa ein Aufreger: Mölle machte sich europaweit einen Namen als vermeintlicher Sündenpfuhl, Kaiser Wilhelm II. soll den Ort gemieden haben, und die internationale Presse schrieb empört über die schwedischen Sitten.

Was daraus wurde, ist die eigentliche Pointe: Heute sind die meisten Kallbadhäuser strikt nach Geschlechtern getrennt. Wer also mit gemischtgeschlechtlicher Reisebegleitung zusammen in die Sauna möchte, muss auf die Öffnungszeiten genau studieren: In den meisten Häusern gibt es feste Zeiten, zu denen die Sauna gemischt genutzt wird. Sauniert wird nackt, Badekleidung wird nicht gern gesehen.

Schwitzen als soziales Ereignis

Wer eine schwedische Sauna mit der deutschen Variante vergleicht, erlebt eine Überraschung. Von betretenem Schweigen keine Spur. In einem Kallbadhus geht es zu wie beim Kaffeeklatsch, nur eben bei 90 Grad. Es wird geredet und gelacht. Man kommt ins Gespräch mit Fremden, erfährt, welche Inseln man durch das Panoramafenster sieht, und bekommt Empfehlungen für die Umgebung, die in keinem Reiseführer stehen.

Das hat System: Die Sauna ist in Schweden kein Rückzugsort, sondern ein sozialer Raum. Das Kaltbadehaus ist Treffpunkt, Gesprächsanlass und kollektives Ritual zugleich – im Winter genauso wie im Sommer.

Ruheräume gibt es in der Regel nicht, denn gerade weil der Besuch des Kaltbadehauses ein so fester Bestandteil des Alltags ist, hält man sich nicht länger auf als nötig. Nach der Abkühlung geht’s für einen zweiten oder dritten Saunagang zurück ins Warme und nach der Dusche schnurstracks zum nächsten Termin des Tages.

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Warum die Schweden es seit Jahrhunderten tun

Wer prustend aus der 2°C kalten Nordsee steigt, weiß sofort warum: Kaltbaden setzt Dopamin, Serotonin und Beta-Endorphine frei – Neurotransmitter, die Glücksgefühle erzeugen und zum bekannten "Post-Swim High" beitragen. Dieses Gefühl von “Hellwachheit” lässt sich kaum anders erzeugen. Zudem hat regelmäßiges Kaltbaden nachweislich positive Effekte auf Körper und Geist – von Stressreduktion über besseren Schlaf bis hin zu einer langfristig gehobenen Stimmung. Studien zeigen, dass die positiven Effekte eines Kaltbades bis in den nächsten Morgen anhalten: weniger Angst, bessere Schlafqualität, gesteigertes Wohlbefinden. Die SchwedInnen wussten das vermutlich, bevor die Wissenschaft es bestätigt hat.

Die schönsten Saunen in Schwedens Süden

Pålsjöbaden (auch Kallis genannt), Helsingborg

zur Website der Stadt Helsingborg

Kallis gilt als das Juwel der skanidnavischen Bäderarchitektur! Links und rechts des hölzernen Hauptgebäudes reihen sich je 18 kleine hölzerne Umkleidekabinen mit Spitzdächern aneinander. Die gesamte Anlage steht dabei auf auffällig hohen Holzpfählen, die das ganze Bauwerk nur noch kurioser erscheinen lassen.

Bjerreds Saltsjöbad, Bjärred

zur Website des Saltsjöbad

Mit 567 Meter Länge hat Bjerreds Saltsjöbad Schwedens längsten hölzernen Pier. An windigen Tagen wirst du auf deinem Weg zum Bad also gut durchgepustet, wenn dich nicht sogar eine der größeren Wellen erwischt. Doch keine Sorge: Spätestens in der Sauna wird es wieder warm! 

Ribersborg Kallbadhus, Malmö

zur Website des Ribersborgs Kallbadhus

Anders als die ersten drei Kaltbadehäuser, sind die Stege des Ribersborg Kallbadhus rechteckig ins Meer gebaut, sodass in ihrer Mitte ein großes Wasserbecken zum Schwimmen entsteht. Ringsherum befinden sich in hellgrünen Holzbauten hinter rotgestrichenen Türen die Umkleiden und Saunen und sehen ein bisschen so aus, als würden sie darauf warten, Kulisse für den nächsten Wes Anderson Film zu werden.

Schweden Sauna Ribersborg Kallbadhus Malmö

Klädesholmen Bastu

zur Website der Klädesholmens Bastuförening

Klädesholmen, ein weiterer Bilderbuchort in Bohuslän: Wie Sardinen in der Dose drängen sich die schmucken Holzhäuser auf der kleinen Insel aneinander, eines hübscher als das nächste. Nur ein kleiner Abschnitt des felsigen Ufers ist unbebaut – zumindest fast. Denn mitten im grauen Granit, mit direktem Blick aufs Meer, liegt die inseleigene öffentliche Sauna. Buchen lässt sie sich unkompliziert über die Website; der Preis beträgt 100 SEK pro Person für zwei Stunden. 

Björholmens Bastu

zur Website des Björholmen Hotell

Die vielleicht schönste Sauna der Region gehört zum Björholmens Hotell und liegt einen kleinen Spaziergang entfernt vollkommen isoliert auf einem Felsvorsprung. Schon der Weg dorthin über den langen Holzsteg übers Wasser ist ein spektakulärer Teil des Erlebnisses! Und während man schwitzt, gewähren die bodentiefen Panoramafenster einen unglaublichen Blick übers Meer und die umliegende Felsenlandschaft. 

Lysekil Kallbadhus

zur Website von Lysekils Kallbadhus

Klassische schwedischen Badehaus-Architektur, unmittelbar am und im Meer errichtet: Im Kern handelt es sich um einen großen, rechteckigen Holzsteg, der ein natürliches Meeresbecken umschließt. Entlang dieses Stegs reihen sich die hölzernen Umkleidekabinen und Saunen streng geometrisch aneinander. Der Eintritt kostet 100 SEK und kann ausschließlich online per Swish gebucht werden. 

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