Gotland ist so ein Ort, über den man von allen hört, der auf jeder Schweden-Liste auftaucht – und von dem man trotzdem nicht so richtig weiß, was einen dort eigentlich erwartet. Ich war skeptisch. Eine Insel in der Ostsee… Klingt nett, aber doch irgendwie überschaubar? Weit gefehlt. Was mich dort erwartet hat: urzeitliche Felsformationen, die aussehen als wären sie einem Science-Fiction-Film entsprungen, eine verwunschene Stadt wie aus einem Märchenbuch, Restaurants auf absolutem Weltklasseniveau und eine Leichtigkeit, die man spürt, sobald man von der Fähre steigt. Gotland ist eine dieser Inseln, die man nur einmal besuchen muss, um zu verstehen, warum manche Menschen einfach immer wieder kommen.

Warum du Gotland unbedingt auf deine Bucketlist gehört und was du auf Schwedens Sonneninsel erleben kannst

Schwedens Sonneninsel – der Spitzname ist Programm. Gotland hat mehr Sonnenstunden als jede andere Region Schwedens. Aber fangen wir von vorne an: Gotlands Grundgestein ist uraltes Korallenmeer – und das sieht man. Bizarre Kalksteinformationen ragen aus dem Boden und aus dem Wasser, Klippen brechen spektakulär ins Meer, und überall auf der Insel findet man Fossilien, die 400 Millionen Jahre alt sind.

Dazu kommen fast 200 historische Fischerdörfer, Wikingerstätten, die von einer bewegten Geschichte erzählen und eine Vogelwelt, die in ihrer Vielseitigkeit in Europa ihresgleichen sucht. Auf den Wiesen trifft man auf halbwilde Pferde und knapp 60.000 Schafe. Und dann ist da noch Visby: die wohl schönste Stadt Schwedens, UNESCO-Weltkulturerbe, und die einzige Kulisse, die gut genug war für Pippi Langstrumpf.

Als wäre das alles noch nicht genug, hat sich auf Gotland eine Gastro- und Cafékultur entwickelt, die man auf einer Ostseeinsel schlicht nicht erwartet. Hier isst man so gut, dass das beste Bio-Restaurant der EU auf einer kleinen Farm mitten im Nirgendwo sitzt – mehr dazu gleich. 

In anderen Worten: Gotland solltest du auf keinen Fall unterschätzen und mindestens fünf Tage, besser eine ganze Woche Zeit einplanen.

Anreise nach Gotland

zur Website von Destination Gotland | zum Båtbuss

Gotland erreicht man entweder über den inseleigenen Flughafen von Stockholm oder Göteborg oder mit den Fähren von Destination Gotland. In letzterem Fall wählt man zwischen den beiden Verbindungen von Oskarshamn oder Nynäshamn. (Fahrzeit 3.10 / 3.30 Std.) Das Auto kann man natürlich mitnehmen. Übrigens: Destination Gotland bietet auch einen Shuttle, Båtbuss genannt, zur Fähre zwischen Stockholm und Nynäshamn an.

Richtig gut: Die Plätze für HundebesitzerInnen befinden sich in einer angenehmen, sauberen Lounge inkl. Steckdosen und Tischchen an den Sitzen, Essen kann man an den Platz bestellen.

Gotland Fähre

Meine 10 persönlichen Lieblingsorte auf Gotland

1. Das beste Restaurant der EU: Lilla Bjers

zur Website von Lilla Bjers

Vor 30 Jahren haben Margareta und Göran Hoast eher unfreiwillig die Farm seiner Eltern übernommen. Die beiden hatten zu dieser Zeit gerade ihr erstes Kind bekommen und wollten deshalb unter keinen Umständen - wie bis dahin praktiziert - Pestizide oder andere Chemikalien verwenden. Was sie damals noch nicht ahnten: Dass die Sorge um die Gesundheit ihres Kindes dazu führen würde, dass sie 2022 die Auszeichnung für das „beste Bio-Restaurant der EU“ erhalten sollten. 

Jedes Gemüse, das hier auf den Tisch kommt, wächst auf der Farm, andere Produkte wie das Fleisch werden in Bio-Qualität von anderen Farmen auf Gotland zugekauft. „Das Menü wechselt täglich. Unsere Chefs müssen flexibel sein. Alles kommt, wie es gerade wächst, da kann man nicht planen und muss mit dem auskommen, was Garten und Felder hergeben.“, erklärt Margareta mit einem Schmunzeln. Das jährliche Highlight stellen die drei verschiedenen Sorten Spargel, an diesem Tag serviert auf einem Salatbett mit einer geschäumten Hollandaise. Mehr braucht es auch nicht: Der Geschmack ist so intensiv, als hätte man den von drei Stangen in einem gebündelt. Margareta verrät, dass sie ihren aber noch viel lieber aus der Pfanne mit Butter mag.

2. Die Rauken von Lergrav

Gotlands Grundgestein besteht größtenteils aus Korallenriffen, die sich vor rund 430 Millionen Jahren in einem tropischen Meer bildeten. Nach der letzten Eiszeit lag die Insel zunächst unter Wasser – erst als sich das Land vor etwa 10.000 Jahren vom Gewicht der Eismassen befreite, hob es sich allmählich über die Oberfläche. Wo dabei Meer auf Gestein traf, formten die Wellen die Landschaft. Der weiche Schichtkalkstein erodierte, der härtere Riffkalk widestand – und zurück blieben die Rauken: isolierte Felssäulen aus urzeitlichem Riffgestein, reich an Fossilien von Korallen, Schnecken, Tintenfischen und Seelilien.

Oberhalb vom historischen Fischerdörfchen Lergrav ist auf diese Weise ein mehrere hundert Meter großes Raukengebiet entstanden inklusive eines eindrucksvollen Gesteinbogens, der ein wenig an eine Harfe erinnert.

3. Sonnenuntergang an Gotlands spektakulärstem Sunset-Spot

Ein Fall von: Always go the extra mile. Denn klar, der 23 m hohe Felsen „Jungfrun“, den man unmittelbar von Lickershamn aus sieht, ist natürlich ausgesprochen hübsch... Aber etwas oberhalb versteckt sich auch noch ein großes Felsplateau - der vielleicht spektakulärste Sunset-Spot Gotlands. 

Es lohnt sich aber dennoch schon etwas früher zu kommen: Der Stimmung im Hafen ist sommerlich ausgelassen, in der kleinen Räucherei gibt es hervorragenden Fisch – mit einem mitgebrachten Brot das perfekte Abendessen. Etwa 200 Meter entfernt stehen außerdem die Grausne Norra Raukområde – eine verwunschene Felsformation, die mit ihren dichten Efeuranken ganz anders wirkt als alle anderen.

4. Picknick im Eichenhain bei Fjäle Ödegård

2500 Jahre - so alt sind die Fundstücke, die man auf Fjäle Ödegård ausgegraben hat. Die Siedlung bestand damals aus Wohnhäusern, Scheunen, möglicherweise einer Schmiede oder einem Brauhaus. Heute findet man hier ein rekonstruiertes Haus, ganz so, wie man sie auf Gotland später, im Mittelalter, gebaut hat. Hier kommen nur die allerwenigsten TouristInnen her... Der Ort liegt vollkommen isoliert und versteckt mitten in einem uralten Eichenhain. Wenn ich mir manchmal vorstelle, wie die Landschaft aussieht, in der mein Zukunfts-Häuschen steht, dann sieht das meist genau so aus...

5. Das beste Räkmacka der Ostküste bei Broman & Sons

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Gotland Restaurant Räkmacka Broman & Sons

Bei Broman & Sons kann man sich darauf verlassen, dass die Terrasse immer voll besetzt ist. Einer der vielen Gründe: Hier gibt‘s das vielleicht beste Räkmacka der Ostküste: Handgeschälte Garnelen auf einer dicken Scheibe geröstetem Sauerteigbrot mit Mayonnaise, Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Zitrone. Achtung: Nur am Wochenende geöffnet.

6. Die Rauken von Folhammar

Die Felsformation an der Ostküste gehört zu den eindrucksvollsten der ganzen Insel: Dutzende von Kalksteinsäulen ragen hier direkt aus dem flachen Wasser oder stehen dicht gedrängt auf dem Strand, als hätten sie sich dort zu einer Versammlung eingefunden. Bei ruhigem Meer spiegeln sie sich in den bläulichen Flachwasserzonen, bei Sturm scheint es fast so, als würden sie sich gegen die Wellen stemmen.

Am besten kommt man früh morgens zum Sonnenaufgang, wenn die Sonne die Rauken in goldenes Licht taucht. Dann sind außerdem die vielen Kaninchen unterwegs, die die Szenerie noch märchenhafter machen. 

Tipp: Im hinteren Bereich des Raukengebiets finden sich einige tolle Badestellen.

7. Wanderung um die Torsburgen

Ausgangspunkt: Torsburgen parkering | Länge: 11,5 km | Höhenmeter: 70 +/- | zur Tour bei komoot

Man muss ein bisschen Fantasie mitbringen bei der Torsburgen – aber die wird reichlich belohnt. Wo man heute vorrangig Wald, Fels und Stille findet, stand einmal die drittgrößte Wallburg Skandinaviens: mit fast fünf Kilometern Umfang war sie groß genug, um die gesamte eisenzeitliche Bevölkerung Gotlands aufzunehmen. 

Nach volkstümlicher Erzählung soll die Anlage dem germanischen Gott Thor gehören. In der Gotensaga heißt es, dass in einer Notperiode jeder dritte Gotländer gezwungen werden sollte, die Insel zu verlassen. Die Betroffenen weigerten sich und verschanzten sich unter der Leitung von Thor in der Burg.

Heute ist das Gelände ein Naturschutzgebiet und die Wanderung entlang der alten Wälle durch den lichten Kiefernwald ist für sich schon ein Erlebnis. Vom Aussichtsturm hat man einen weiten Blick über die Insel und wer mag, kann die Wanderung sogar noch bis zur Herrgårdsklint Schlucht verlängern.

8. Fika deluxe bei Ala Gård

zum Instagram-Account von Ala Gård

Ala Gård ist quasi das Paradebeispiel des südschwedischen Hofcafés: Hier gibt es Antik und Trödel, eine Interieur-Butik mit handverlesenen Stücken und – am wichtigsten – ein Café, das geradezu göttliches Gebäck serviert. Dabei sitzt man wahlweise gemütlich im alten Landhaus oder im pittoresken Garten mit Blick auf die Scheunen. On my plate: ein Mandel-Kokos-Himbeer-Törtchen

9. Auf den Spuren von Pippi Langstrumpf durch Visby

Lange Zeit habe ich erzählt, dass es für mich keine schönere Stadt in Schweden gäbe als Lund – bis ich nach Gotland gekommen bin und Visby besucht habe. Leider hat es an diesem Tag in Strömen geregnet und trotzdem konnte man die Schönheit der Stadt in jeder Gasse sehen. Im 11./12. Jahrhundert erbaut, haben es überraschenderweise viele Gebäude bis in die Gegenwart geschafft – zumindest ihre Ruinen. So gleicht ein Spaziergang durch die Stadt fast schon einem Museumsbesuch – überall finden sich die imposanten, verwunschenen Überreste alter Kirchen, Klöster und Burgen, ringsherum verläuft, umgeben von üppigen Wildblumenwiesen die alte Stadtmauer.

Und zwischendrin: Enge, verwinkelte Gassen, in denen sich die bunten Fachwerkhäuser samt vieler hübscher Lädchen aneinanderreihen. Kein Wunder, dass man ausgerechnet Visby damals als Kulisse für die Pippi Langstrumpf-Verfilmung auserkoren und später zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt hat! 

Souvenir-Shopping betreibt man zum Beispiel im Kaffee- und Teeladen Kränku, im Süßigkeitenladen Karamellboden oder in den zahlreichen Interieur-Shops wie Verkstan, STUK oder Akantus. Darüber hinaus lohnt sich unbedingt ein Blick in die alte Glasbläserei, in die ausgefallene Art-Gallery Franchells und das Kunstmuseum an der Ecke St. Hansgatan/Bremergränd (hat tatsächlich weder eine Website noch einen Google-Eintrag, Eintritt kostenfrei).

Der perfekte Tag in Gotlands Hauptstadt

Keine Lust selbst zu planen? Dann kommt hier ein Itinerary für den perfekten Sommertag in Visby:

10:00 Frühstück bei Babka / 11.00 auf den Spuren von Pippi Langstrumpf durch die verwinkelten Gassen der Altstadt / 14:00 Fahrrad am Hafen ausleihen, raus zum Norderstrands badplats / 17.00 Auf dem Rückweg durch den Botanischen Garten schlendern / 18:00 Apéro in der Rosteri & Vinbar PRIMA / 19:00 Abendessen bei Bakfickan / 21:30 Sonnenuntergangs-Spaziergang entlang der Stadtmauer

Mit Kids besucht man natürlich auch die Kneippbyn, den Themenpark, in dem auch die originale Villa Villekulla zu finden ist.

10. Ausflug auf Gotlands Nachbarinsel Fårö

Viele sagen, erst Fårö mache die Gotland-Reise wirklich komplett. Und ich würde diese Aussage definitiv unterschreiben. Die kleine Insel im Norden von Gotland erreicht man mit der kostenlosen Autofähre innerhalb von fünf Minuten. Dort angekommen, finden sich so viele spannende Orte, dass man am besten über Nacht bleibt – und dass ich der Insel sogar einen eigenen Artikel gewidmet habe.

Ausflug Insel Farö Gotland

Übernachten auf Gotland 

zur Website von Sibbjäns

Natürlich gibt es jede Menge tolle Unterkünfte auf Gotland und trotzdem gibt es da diesen einen Ort, der mir einfach keine Ruhe lässt und der deshalb besondere Aufmerksamkeit verdient: Sibbjäns im Süden der Insel, geführt von den beiden in Schweden mehr oder weniger gut bekannten Paaren Pontus und Sanna Rönn und Jonas Nordlander und Kina Zeidler. 

Willkommen in Utopia

Hier lässt sich live miterleben, wie dank des großzügigen Sponsoring des schwedischen Tech-Entrepreneurs Nordlander auf einer denkmalgeschützten Farm ein Utopia entsteht – ein absoluter Superlativ der Nachhaltigkeit: eigenes Wasseraufbereitungssystem, Schwedens größter Erdkeller, KI-gesteuertes Energiesystem, basierend auf rein erneuerbaren Quellen und ein Naturpool, der sich biologisch selbst reinigt. Und das sind nur die Dinge, die sich in kurzen Worten nennen lassen. Wirklich jedes Detail ist durchdacht, nichts wird dem Zufall überlassen. Selbst die Trockensteinmauer um den Tennisplatz ist nach historischem Vorbild per Hand geschichtet, die Gebäude so konstruiert, dass sich das seltene gotländische Regenwasser sammeln lässt, das Dach der Ställe wurde wie im Mittelalter händisch mit Schilfgras gedeckt. Je mehr ich sah, desto öfter musste ich an T.C. Boyles Terranauten denken…

Trotzdem darf man sich weder einen schlammigen Bauernhof noch ein rurales Landhotel vorstellen. Im Gegenteil: Sibbjäns ist fancy, wohin man schaut, das Beste von allem (den Vorgarten hat man eigens von Peter Korn anlegen lassen, das sagt bereits alles). Sogar der schwedische König war schon hier. Der Freund eines Freundes eines Freundes der Betreiber. Dennoch wirkt der Ort überraschend lässig, jedenfalls hatte ich keine Sekunde das Gefühl, mit meiner Wanderhose fehl am Platz zu sein.

Wer nicht übernachtet, sollte trotzdem wenigstens zur Farmtour vorbei schauen oder besser noch zum Abendessen. Dann nämlich kommt die Farm auf den Teller. Etwa 90-95% aller Zutaten stammen aus eigenem Anbau und werden – wie sollte es anders sein – beim Fine Dining in einem herausragenden Menü serviert.

Noch mehr Tipps für deine nächste Reise nach Südschweden:

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