Es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht dankbar dafür bin, dass ich als privilegiertes Kind in Deutschland geboren wurde, Abitur machen und später an die Universität durfte und Zugang zu allen möglichen Quellen des Wissens habe. Bei den fast unbegrenzten Möglichkeiten, die wir hier glücklicherweise in Mitteleuropa genießen, uns Wissen anzueignen, passiert es dennoch schnell, dass wir eine der wichtigsten Quellen für Wissen und Weisheit übersehen, obwohl sie ganz oft genau vor unserer Nase liegt: Mutter Natur. In meinen Augen gibt es kaum eine Wissensquelle, die uns so viel essentielle Werte vermittelt wir die Natur, wenn wir uns nur trauen, uns aktiv in ihr zu bewegen. Ganz besonders beim Wandern habe ich unglaublich viel über mich selbst gelernt und viele wichtige Erkenntnisse gewonnen, an denen ich gewachsen bin und die seit Jahren meinen Alltag bereichern. In diesem Beitrag liest Du über 8 wichtige Dinge, die wir von der Natur (beim Wandern) lernen können, wenn wir nur achtsam sind und ihr aufmerksam zuhören.

Ausdauer

‘The higher you climb the more you can see’.

Jeder würde gern den Berggipfel erreichen und dort bei schönster Aussicht in der Sonne das langersehnte, kalte Radler trinken – doch nur die wenigsten haben wirklich Lust, den Weg dorthin zu gehen. Diejenigen, die unten bleiben, sehen vielleicht eine hübsche Waldlandschaft, ein paar Wiesen und mit ein bisschen Glück auch ein paar wilde Tiere. Doch stell Dir vor, was Du erst von oben sehen könntest! Türkisblaue Bergseen, deren Existenz Du von unten nicht mal erahnen kannst, das atemberaubende Panorama der unzähligen Gipfel, wilde Steinböcke und erst das Alpenglühen am Abend… Sicher bedeutet das, dass Du ganz schön ins Schwitzen kommen wirst, Hindernisse und vielleicht sogar Ängste überwinden musst. Doch wenn uns Berge auch nur eines gelehrt haben, dann, dass sich Ausdauer jedes einzelne Mal auszahlt. Je länger Du durchhältst, desto größer ist die Belohnung!

Fotos: Hüttenwandern vom Duisitzkarsee in Österreich – nach drei Stunden Anstieg zeigt sich das erste atemberaubende Panorama

Geduld

‘Mother Nature doesn’t rush things, yet everything gets accomplished.’

Gesundes Wachstum und Veränderungen brauchen in der Natur meistens jede Menge Zeit… Es hat Jahrhunderte gedauert, bis die Alpen entstanden, ein Baum benötigt Jahrzehnte um zu wachsen und kann dann sogar Jahrtausende überdauern und selbst ein Blümchen im Frühling kämpft mehrere Woche, bis es schließlich dank Wasser und Wärme in der Sonne erblüht. Überall, wo wir die Natur beobachten, zeigt sie uns, dass Veränderungen Zeit brauchen und dass Gutes selten einfach über Nacht entsteht. In der Schnelligkeit, in der wir leben, erinnert uns die Natur, wenn wir sie nur genau genug beobachten, dass auch wir Geduld haben sollten. Geduld mit uns selbst, Geduld mit anderen Menschen, Geduld in unseren Beziehungen. Denn schließlich sind auch wir ein Teil der Natur und egal wie weit wir uns entfremden, gelten ihre Gesetze noch immer auch für uns. Atme also bei deinem nächsten Spaziergang tief ein und lass diesen Gedanken auf Dich wirken. Vielleicht bist Du dann das nächste Mal, wenn Dir etwas nicht sofort gelingt, nicht mehr ganz so streng mit Dir. 

Fotos: Diese Pflänzchen kämpfen sich im Uttewalder Grund in der Sächsischen Schweiz durch die letzte dünne Eisdecke des Winters

Respekt

‘Take nothing but pictures, leave nothing but footprints.’

Wenn wir wandern gehen ist es selbstverständlich, dass wir all das, was wir aus unseren Rucksäcken auspacken auch wieder einpacken, dass wir keinen Müll liegen lassen und Orte, an denen wir waren, genauso verlassen, wie wir sie vorgefunden haben. Beim Wandern lernen wir auf den Wegen zu bleiben, um den Lebensraum von Tieren und Pflanzen zu schützen und informieren uns schon vor unseren Touren, wie wir uns verhalten, wenn wir dann doch einem bestimmten Tier begegnen. Das Wandern lehrt uns also, dass wir all dem Leben, das uns umgibt, mit größtem Respekt begegnen – dass wir schützen und nicht zerstören, dass wir behutsam mit dem umgehen, was lange vor uns da war und dass wir achtsam demgegenüber sind, was uns begegnet. 

Wie wäre es also, wenn wir diesen Respekt, den uns die Natur lehrt, auch abseits der Wanderwege leben!? Wenn wir achtsam sind und zuhören, allen Lebensformen mit Respekt begegnen und unseren Fußabdruck so klein wie möglich halten, können wir nicht nur die Natur, sondern auch einander schützen.

Foto: Die beiden Schönheiten habe ich während einer Wanderung auf Römö entdeckt. 

Stärke

‘The deeper the roots the stronger the tree’.

Unsere Eltern vermitteln uns während unserer Kindheit Werte und Überzeugungen. Sie bringen uns bei, wie wir richtig und falsch voneinander unterscheiden, wie wichtig es ist, für sich selbst einzustehen oder was es bedeutet ein guter Freund, eine gute Schwester oder ein guter Bruder zu sein… Unsere Werte und Überzeugungen werden dabei zu unseren Wurzeln, die uns Halt geben und die uns durchs Leben leiten. Und wie bei einem Baum hängt auch unsere Stärke von der Tiefe unserer Wurzeln ab. Je stärker unsere Wurzeln – also unsere Werte – sind, je mehr wir sie pflegen und jeden Tag nach ihnen leben, desto stärker werden wir. Wenn dann doch einmal Unwetter durch einen Baum mit tiefen, starken Wurzeln peitschen, wird er ihnen dennoch standhalten können und weiter wachsen, wenn sich der Sturm gelegt hat. 

Fotos: Im Olympic National Park in den USA stehen überall riesige, jahrhundertealte Bäume – mache so dick, dass es gleich drei oder vier Leute mit ausgestreckten Armen braucht, um sie vollständig zu umfassen

Akzeptanz

If you can solve your problem, then what is the need of worrying. If you cannot solve it, then what is the use of worrying? Shantideva

Wenn Du schon mal in einem hohen Gebirge wandern warst, wirst Du wissen, dass jeder Tag aufs neue vom Wetter bestimmt wird – schließlich wäre das Risiko zu groß auf dem Berg in ein Gewitter zu geraten. Manchmal ist es aber auch einfach nur ein ganz unspektakulärer Regen, der uns am weitergehen hindert. Die Natur und ganz besonders das Wandern lehren uns, dass wir die Dinge, die kommen, genauso akzeptieren müssen, wie sie eben kommen. Mutter Natur sind unsere Wanderpläne völlig egal und sie entzieht sich völlig unserer Kontrolle. Weil ich das aber ganz genau weiß, war ich über gescheiterte Wanderpläne bestenfalls für einen kurzen Moment traurig aber niemals enttäuscht oder gar wütend. Denn welchen Sinn würde es schon machen, sich über das Wetter zu beschweren!?

Wenn ähnliches in meinem Alltag passiert neige ich jedoch viel mehr dazu über Dinge, die ich nicht ändern kann, wütend zu sein. Jedes Mal, wenn mir das passiert, versuche ich mir dann ins Gedächtnis zu rufen, mit welcher Ruhe ich Situationen wie diesen in den Bergen begegne und dass es nun einfach mal Dinge gibt, die sich völlig meiner Kontrolle entziehen. Meist gelingt es mir dann, diesen Situationen mit mehr Akzeptanz zu begegnen und so viel ausgeglichener durch den Tag zu gehen.

Foto: Auf der Lechquellenrunde wurden wir an einem Tag von dichtem Schnee überrascht und mussten unsere Hüttenwanderung deshalb einen Tag pausieren.

Balance

Balance is not something you find, it’s something you create. Jana Kingsford

Die Natur ist immer bestrebt ein Gleichgewicht herzustellen… vereinfacht gesagt: Ohne Nacht gibt es keinen Tag, ohne Ebbe keine Flut, ohne Regen keinen Sonnenschein. Ganz ähnlich geht es uns in unserem Leben… erst wenn wir Schwierigkeiten ausstehen, Fehler machen und Misserfolge erleben, lernen wir das Gute zu schätzen. Ebenso zeigt uns die Natur, wie wichtig es ist, uns selbst im Gleichgewicht zu halten… wie essentiell Bewegung nach einem langen Arbeitstag ist, wie wichtig es ist, dass wir uns Zeit für uns allein gönnen, wenn wir sonst viel mit anderen Menschen zusammen sind, wie wichtig aber auch soziale Kontakte nach langen Phasen der Einsamkeit im Home Office sind. Nimm dir eine Minute Zeit und denk darüber nach, wo Du in deinem Leben Extremen ausgesetzt bist und wie Du diese ausgleichen könntest. Denn als Teil von Mutter Natur geht es auch uns immer dann am besten, wenn wir im Gleichgewicht sind.

Fotos: Kleine Wanderung durchs Kirnitzschtal in der Sächsischen Schweiz

Wertschätzung

Trade your expectations for appreciation and your whole world changes in an instant. Tony Robbins

Sobald wir die Städte hinter uns lassen und den ersten Schritt in die Natur wagen, sind es auf einmal gänzlich andere Dinge, die uns glücklich machen: Die frische Luft, der Duft nach Kiefern, das kribbelnde Gefühl, wenn man die Hand in einen plätschernden Bach hält, die Melodien von Wind und Regen, das Zwitschern der Vögel… Die Natur ist wunderschön und bietet uns endlose Möglichkeiten für Abenteuer, Glück und Heilung. Dabei zeigt sie uns jeden Tag aufs neue, wie klein die Dinge mitunter sind, die uns glücklich machen, aber auch, wie wertvoll all die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten unseres Alltags sind. Allein eine dreitägige Trekkingtour reicht schon aus, dass ich eine warme Dusche, ein Bett und ein üppiges Essen als größtes Glück der Welt empfinde. 

Foto: Wenn ich ins Schwarzwassertal im Erzgebirge wandern gehe, gibt es kaum etwas schöneres als Hände und Füße in den kribbelnd kalten Bach zu halten.

Selbstwert

‘Your value doesn’t decrease based on someone else’s inability to see your worth.’

Alles in der Natur hat einen Wert. Von den Wildtieren, die unsere heimischen Wälder durchstreifen bis zum Kiefernzapfen, der sich auf ihrem Weg findet, über die größten und winzigsten Lebewesen, die unsere Ozeane durchstreifen bis hin zu den kleinsten Pilzen, lästigen “Unkräutern” oder selten gern gesehenen Tieren wie Schlangen, Spinnen oder Mücken. Egal ob groß oder klein, schnell oder langsam, Beute oder Raubtier… sie alle erfüllen eine eigene, einzigartige Rolle innerhalb unseres Ökosystem – genauso wie wir. Auch wir Menschen haben mit unseren einzigartigen Charakteren und Talenten jeder einen wichtigen Platz in unserer Gesellschaft – ganz unabhängig davon, ob die Art, wie wir die Welt beeinflussen, auf den ersten Blick sichtbar ist oder nicht. Wir alle sind von großem Wert und die Welt wäre ohne einen von uns nicht mehr dieselbe wie zuvor.

Foto: Dänemark 2019, der kleine Seestern wollte ins Wasser zurück


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  1. Danke für’s Teilen Deiner Erkenntnisse, das ist echt inspirierend! Ich war das Wochenende auf Rügen unter anderem auf dem Hochuferweg wandern. Zwar blüht es dort noch nicht wie im hohen Frühling, aber es war nicht viel los und dadurch super entspannend!

    1. Hi Andy, freut mich sehr, wenn ich Dich ein bisschen inspirieren konnte. Und es klingt, als hättest Du eine tolle Zeit auf Rügen gehabt! Ich wünsch Dir noch sehr viel mehr davon. 🙂 Liebe Grüße, Magda

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